„Die ESA sagte uns, was wir machen, sei unmöglich!“
Interview mit Tom Segert, Mitgründer und CEO der Berlin Space Technologies GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Segert, die Berlin Space Technologies GmbH entstand 2010 als Ausgründung aus der TU Berlin. Wie gründet man einen Satellitenhersteller?
Tom Segert: In der Bundeshauptstadt ist über viele Jahrzehnte hinweg ein produktives Raumfahrtökosystem entstanden, maßgeblich vorangetrieben von der TU Berlin. Der Grundstein unseres Unternehmens wurde also nicht auf der sprichwörtlichen grünen Wiese gelegt, denn in der Region bestand bereits ein umfangreiches, über Jahre gewachsenes Wissen. Was fehlte, war ein Kristallisationskeim, weil es kaum Firmen gab, die dieses weitreichende technologische Know-how wirtschaftlich sinnvoll umsetzen konnten. Diesen Part wollten wir übernehmen.
Wirtschaftsforum: Mit erstaunlichem Erfolg – zunächst allerdings außerhalb Europas.
Tom Segert: Im Rahmen unseres ersten großen Projekts installierten wir Hardware auf der Internationalen Raumstation. Das macht man natürlich nicht ohne Weiteres, und wir hatten unseren Auftraggebern im Vorfeld klar und transparent vermittelt, dass wir uns auf die Herstellung von Low-Cost-Hardware in Serie spezialisieren wollten. Diese Offenheit hat sie überzeugt – genau wie wenig später einen Auftraggeber aus Singapur, von dem wir 6 Millionen EUR für zwei Satelliten, sechs Nutzlasten und ein komplettes Trainingsprogramm erhielten. Nach diesen erfolgreichen Projekten wurde auch die ägyptische Raumfahrtagentur auf uns aufmerksam, die uns wesentlich früher und weitreichender vertraute als die ESA.
Wirtschaftsforum: Hat Sie das verwundert?
Tom Segert: Die Budgets unserer Kunden waren für die damaligen Branchenverhältnisse relativ klein, während in einem derart sensiblen Kontext natürlich keinerlei Abstriche bei der Qualität erfolgen durften. Technologisch kamen wir damit von Anfang an gut zurecht – und diese engen Restriktionen zwangen uns früh dazu, mit einem kleinen Team aus vielleicht drei Dutzend hoch spezialisierten Fachleuten extrem effizient zu arbeiten. Die ESA hielt es lange Zeit für schlicht unmöglich, dass wir das, was wir angaben, tatsächlich so umsetzen konnten, wie es auf unserer Referenzliste stand – das ginge laut ihren Experten nur mit Hunderten von Mitarbeitenden. Ich war lange Zeit sehr konsterniert, dass man dort angesichts des offensichtlichen Gegenbeweises an dieser irrigen Annahme festhielt. Inzwischen ist glücklicherweise weithin bekannt, dass sich die Ansätze und Prozesse angesichts der bestehenden technologischen und sicherheitspolitischen Herausforderungen grundlegend ändern müssen.
Wirtschaftsforum: Für Deutschland wird für die kommenden Jahre ein Bedarf von 1.200 Satelliten genannt.
Tom Segert: Das wird keine Firma allein stemmen können, auch wenn unser Unternehmen derzeit massiv skaliert. Unsere aktuelle Produktionskapazität liegt bei 50 Satelliten pro Jahr; in der nächsten Ausbaustufe soll sie sich bis 2027 auf circa 300 erhöhen. Entscheidender ist jedoch die Transformation des gesamten Raumfahrtökosystems: Bisher wurden Satelliten vornehmlich wie Hochzeitstorten hergestellt und beschafft – als aufwendige, hochkomplexe Einzelanfertigungen in geringen Stückzahlen. Der tatsächliche Bedarf ist jedoch eher mit der Herstellung von Blechkuchen zu vergleichen: Bei gleichbleibender Qualität muss es in einer standardisierten Serienfertigung vor allem schnell gehen.
Wirtschaftsforum: Wie kommen wir dahin?
Tom Segert: Werden Großaufträge weiterhin en bloc an einen einzigen Generalunternehmer vergeben, wird es teuer, weil kein nennenswerter Wettbewerb entstehen kann. Gleichzeitig bleibt der Mittelstand von weiten Teilen der Wertschöpfung ausgeschlossen, obwohl er – wie nicht nur das Beispiel unseres Unternehmens zeigt –, wichtige Lösungsimpulse geben könnte. Ein besseres Verfahren wäre die parallele Vergabe in Tranchen, wie es etwa die amerikanische Space Development Agency vormacht: Dort werden zunächst vergleichsweise geringe Auftragsvolumina an mehrere Hersteller vergeben – und wer sich dabei in puncto Qualität, Termintreue und Kosteneffizienz bewährt, bekommt anschließend mehr. Das schafft auf beiden Seiten klare Anreize, ermöglicht schnelle iterative Verbesserungen und führt wahrscheinlich auch zeitnah zu überzeugenden Ergebnissen.
Wirtschaftsforum: Sie haben Berlin Space Technologies vollständig ohne Venture Capital finanziert – eine bewusste strategische Entscheidung?
Tom Segert: Für unser Unternehmen haben wir diese Entscheidung so getroffen. Wir beobachten auch, dass viele Venture Capital-Investoren letztlich einen Exit anstreben. Exits ab einer bestimmten Höhe werden unserer Einschätzung nach nicht mehr in Europa, sondern in Ländern außerhalb der EU erfolgen. Das halten wir angesichts der sicherheitspolitischen Bestrebungen Europas jedoch für widersinnig. Gleichzeitig besteht im Markt eine problematische Finanzierungslücke für den Mittelstand. Denn während Unternehmen ab einer gewissen Größe für Venture Capital bereits uninteressant sind, bleibt ihnen zugleich ein verlässlicher Zugang zu Fremdkapital von Banken verwehrt.









