Vom reinen Lieferdienst zur Lieferkooperation

Schnell ein paar Sushi in guter Supermarktqualität fürs Abendessen bestellen? Zwei Flaschen Bier als Vorrat anlegen für eine mögliche Verlängerung des Champions-League-Krachers am Abend? Oder zügig noch eine Packung Konfekt ordern, weil man den morgigen Muttertag vergessen hat? Heute kein Problem mehr in deutschen Großstädten und Ballungsräumen. Das Modell Lieferdienst setzt sich immer mehr durch und ist längst kein Phänomen mehr für die Generation 20+.

Etablierte Lieferdienste stoßen an ihre Grenzen

Zugleich aber wird immer deutlicher, dass die etablierten Lieferdienste Opfer ihres eigenen Erfolgs werden. Es fällt ihnen schwer, das Geschäftsmodell zu skalieren, die Rentabilität leidet. Hinzu kommt als wohl größter Engpassfaktor ein zunehmender Mangel an Fahrerinnen und Fahrern. Der schönste Onlineshop und das smarteste Bezahlmodell helfen wenig, wenn die Ware auf der „letzten Meile“ nicht mehr oder nur sehr zeitverzögert zu den Kundinnen und Kunden gelangt.

Das französische Unternehmen Shopopop, das ausgehend aus Berlin jetzt auch in Deutschland Fuß fasst, hat ein innovatives Konzept, um diesen Mangel an Zustellerinnen und Zustellern zu überwinden. Shopopop hat den ersten kooperativen Lieferdienst in Europa gegründet – und setzt dabei vor allem auf die nachbarschaftlichen Bande. Statt fremder Fahrerinnen und Fahrer wie bei herkömmlichen Lieferdiensten bringen Menschen aus dem eigenen Stadtteil oder gar der eigenen Straße die gewünschten Waren zu den Endkunden. Davon profitieren alle: die Händlerinnen und Händler, die mit der virtuellen Zeit gehen. Die Kundinnen und Kunden, die daheim die schweren Einkaufstüten erhalten. Sowie die Zulieferinnen und Zulieferer, die sich etwa auf dem Heimweg durch das Ausliefern ein paar Euro plus Trinkgeld hinzuverdienen.

Indische Wurzeln, europäisches Business

Die Wurzeln von Shopopop liegen bei näherer Betrachtung jedoch nicht in Frankreich, sondern in Indien. Auf dem Subkontinent nahm die Erfolgs-Story 2014 ihren Lauf. Shopopop-Mitgründer Antoine Cheul beobachtete bei einem längeren Indien-Aufenthalt die „Dabbawallas“: Das sind Lunchboxen, die sich Büromitarbeiterinnen und -mitarbeiter während der Mittagspause von privaten Fahrern ins Office liefern lassen.

Zurück in Europa machten die Shopopop-Gründer daraus ein Business für den europäischen Markt – mit anderen Produkten, aber derselben Kernidee. Im Zentrum der Shopopop-Idee stehen Privatpersonen, die ihren Nachbarinnen und Nachbarn, die kein Auto haben oder auf Hilfe beim Einkaufen angewiesen sind, Dinge vorbeibringen. Oder sogar mitbringen, wenn sie ohnehin selbst zum Supermarkt wollten.

Edeka und Co. setzen bereits auf Crowdshipping

Aus der Idee von Antoine Cheul und Geschäftspartner Johan Ricaut entstand bis heute der nach eigenen Angaben führende Crowdshipping-Service in Europa. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Große Handelsunternehmen wie Decathlon, Spar, Carrefour, Edeka oder Famila setzen bereits auf das Shopopop-Modell. Längst nicht nur Lebensmittel werden dabei ausgefahren – auch Tierfutter, Sportartikel, Kleidung oder Blumen.

Dank Shopopop werden Lieferungen auch nachhaltiger. Zwar sind die Fahrerinnen und Fahrer in ihren Autos unterwegs. Aber sie wären das ohnehin gewesen, weil sie etwa zur Arbeit pendeln. Dann noch schnell auf dem Heimweg beim Supermarkt halten, um die Einkäufe der Nachbarin einzuladen, ist weitaus nachhaltiger, als wenn sich ein halbleerer Sprinter des Supermarkts auf die Reise machen würde oder die Nachbarin nur für den kleinen Einkauf selbst ins Auto steigen müsste.

Händler erschließen neue Kundenkreise

Shopopop hilft beim Großeinkauf für Menschen, die selbst kein Auto zur Verfügung haben. Das Prinzip: Per Fuß oder mit dem Fahrrad zum Supermarkt, nach Herzenslust shoppen, den Einkauf stehen lassen und dann von einem privaten Lieferanten aus der Nachbarschaft bequem nach Hause geliefert bekommen. „Das ist besonders attraktiv für Supermärkte, da der Endkunde mehr einkaufen kann, ohne den großen Warenkorb selbst nach Hause transportieren zu müssen“, sagt Mikko Riikkinen, Country Lead Deutschland bei Shopopop. Händler können sich auf diese Weise neue Zielgruppen erschließen.

Die gesamte Kommunikation zwischen Händler und Endkunden läuft digital. Für ihre Mittler- und Auslieferdienste erhalten die Fahrerinnen und Fahrer in der App einen kleinen Betrag gutgeschrieben und können sich das Guthaben anschließend aufs Konto überweisen. Hinzu kommt das oft erkleckliche Trinkgeld: laut Shopopop rund sechs Euro bei einer durchschnittlichen Lieferung.

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