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Elektrohandwerk: Zugmaschine der digitalen Zukunft

Digitalisierung

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Wenn wir den Begriff „Digitalisierung“ zu einer Person machen müssten, wie sähe diese wohl aus? Wer nun vor dem geistigen Auge einen typischen „Techie“ vom Schlage eines Mark Zuckerberg und der anderen Vordenker des Digitalen hat, muss sich nicht wundern. Für die meisten Menschen ist der U40 Digital Native, der in seinem ganzen Auftreten immer eine leicht nerdige Programmierer-Coolness versprüht, die personifizierte Digitalisierung schlechthin.

Und natürlich, was das Vordenken, die Grundlagenarbeit anbelangt, stimmt diese Denkweise auch meistens sehr treffend. Allerdings bliebe bei aller Innovationsfreude ein Großteil des Inputs dieser Vordenker auf reine Gedankenspiele und bestenfalls Labor-Experimente beschränkt, wenn nicht ein Heer von Handwerkern die digitalen Wünsche zwischen smarter Rollladensteuerung und E-Auto-Ladestation in die Tat umsetzen würde. Der folgende Artikel zeigt warum die Elektrobranche so wichtig ist. Aber auch die Herausforderungen, denen sie sich, vor allem in Deutschland, stellen muss – und auch, was man sich dabei abschauen kann.

Eine Branche als Multiplikator

„Die Zukunft ist elektrisch“. So lautet nicht nur ein Podcast von Autohersteller Audi, der sich mit E-Mobilitätbefasst; so wird es auch von beinahe jedem zwischen privater Couch und höchsten Regierungs- sowie Wirtschafts-Chefsesseln gesehen.

Um die Sinnhaftigkeit dieser Prophezeiung zu erkennen, muss man nur eingestehen, dass alle Schlüsseltechnologien, die für die Zukunft als wichtig erachtet werden, elektrisch, elektronisch und/oder digital sind. Sie sind wichtig für die Arbeit, das Privatleben, den Wirtschaftsstandort, ja sogar die weiterhin ungestörte Existenz der Menschheit:

  • Autonomes Fahren
  • Elektromobilität
  • Künstliche Intelligenz
  • Klimarettung
  • Robotik
  • Medizin
  • Konsum
  • Werbung

Egal wohin man schaut, alles ist unverbrüchlich an eine Technik gebunden, die selbst in ihren komplexesten aktuellen Ausprägung, dem Quantencomputer, nach wie vor auf technischer Ebene den Gesetzen des Elektromagnetismus unterworfen ist.

Der Handwerker als ausführendes Element

All die genannten Zukunftstechniken gehören schon durch ihre Natur zum ureigensten Metier von Elektrotechnikern. Das tun sie nicht nur aufgrund physikalischer Gesetzmäßigkeiten, sondern auch, weil es die Elektrobranche wie keine zweite handwerkliche Sparte verstanden hat, innovativ zu sein und ständige Innovation als Grundlage ihres eigenen Seins zu akzeptieren – ebenso wie es Digitalisierung tut.

Kaum eine andere Branche sieht derartig große, zahlreichte und wichtige Entwicklungssprünge in dermaßen kurzen Abständen als Default-Modus. Würde man beispielsweise ein brandneues Auto all seiner elektronischen und digitalen Finessen berauben, also dem, was ein heutiges Fahrzeug hauptsächlich ausmacht, bliebe vom Blechkleid über die prinzipielle Arbeitsweise des Motors bis zur Fahrwerksaufhängung Technik zurück, die so auch von einem Mechaniker von 1970 beherrscht werden könnte.

Ähnlich sähe es in vielen anderen Handwerken aus: Überall, wo die Elektrotechnik weggestrichen wird, zeigen sich zwar auch Entwicklungen eigener Natur. Aber niemals solche, die in so kurzer Zeit derart umfassend waren. Auf einen Satz zusammengefasst ließe es sich folgendermaßen ausdrücken:

Alle Branchen müssen sich konstant weiterentwickeln, bei keiner geht es jedoch so schnell und dramatisch zu wie in der Elektrobranche.

Für Elektrohandwerker, ganz gleich ob auf dem Bau, im Kundendienst oder der Industrie eingesetzt, war tiefgreifende, immerwährende Weiterentwicklung immer ein maßgeblicher Teil ihres Berufs – bis zum heutigen Tag und darüber hinaus: Erst jüngst wurde eine neue VDE-Norm für Zählerschränke unter dem Eindruck der Energiewende bindend; bei gleicher Gelegenheit wurde ein neues Regelwerk nur für Elektroauto-Ladeeinrichtungen erlassen. Gleichsam läuft ein Programm, dass elektrotechnische Normierung ebenfalls digital transformieren soll… und das sind nur einige der jüngsten Entwicklungen.

Die Elektrobranche, der Elektrohandwerker befinden sich seit vielen Jahrzehnten in einem stetigen Wandel, müssen sich immer wieder erweitern, anpassen, neu erfinden. Kein Wunder also, dass hier auch die geringsten inneren wie äußeren Hemmnisse auftreten – auch bewiesen durch das Bundeswirtschaftsministerium, das in seinen Studien der Elektro-/Elektronikbranche den höchsten Digitalisierungsgrad nachweist. 

Kapazitätsgrenzen erreicht

2003 wurden die beiden Ausbildungsberufe Kfz-Mechaniker und Kfz-Elektriker zum Kfz-Mechatroniker zusammengefasst und in fünf Schwerpunkte aufgeteilt, um Fachpersonal für jede Sparte dieses technischen Berufs zu bekommen. Das tat man, weil die Anforderungen moderner Fahrzeugtechnik längst über das hinausgewachsen waren, das sich durch einen einzelnen Ausbildungsberuf beherrschen ließ.

Bloß: Genau hier lauert für die Elektrobranche eine noch sehr große Herausforderung. Auch hier gibt es schon seit langem unterschiedliche Fachrichtungen. Jedoch kommt die Ausbildung, so wie sie in Deutschland praktiziert wird, in ihrer Ausrichtung längst nicht mehr mit dem Entwicklungstempo der Technik mit. Das gilt sowohl für die Grundlagen in der Berufsausbildung selbst wie der darauf aufbauenden Bildungsprogramme, etwa zum Meister oder Techniker.

Nicht nur, dass immer mehr unterschiedliche Inhalte zum Kern des Berufs gehören, diese wandeln sich auch besonders heute noch stärker, als es selbst in der Elektrobranche Usus ist. Schon seit Jahren klagen deshalb Experten des Elektroberufs, dass Anpassung erfolgen muss, sofern die Ausbildungszeiten von derzeit 3,5 Jahren nicht ausgeweitet werden.

Der Erfolg: Ebenfalls seit einigen Jahren arbeitet der Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) an einer vollkommen neuen Ausbildungsverordnung, die mehrere Schwerpunkte hat:

  • Umwandlung des Elektroniker-Berufs auf nur noch zwei Fachrichtungen: Energie- und Gebäudetechnik sowie Automatisierungs- und Systemtechnik.
  • Wegfall des Systemelektroniker-Berufs, der im Elektroniker für Automatisierungs- und Systemtechnik aufgeht.
  • Schaffung des komplett neuen Berufs Elektroniker für Gebäudesystemintegration, um der immer smarteren Gebäudeausstattung durch einen eigenen Beruf Rechnung zu tragen.
  • Neuausrichtung des Informationselektroniker-Berufs.

Derzeit befindet sich diese Planung in ministerialer Überprüfung und soll, so der Fahrplan, ab dem Jahr 2021 in Deutschland eingeführt werden.

Vorreiter, aber…

Die Elektrobranche ist unzweifelhaft ein Triebmotor für den digitalen Wandel. Allerdings auch einer, der selbst noch einiges nachzuholen hat. Das fand eine Studie innerhalb der Branche heraus.  

Der große Knackpunkt dabei: Die Branche entwickelt zwar und bietet an, gleichsam wurden jedoch im Befragungszeitraum der Studie während des Jahres 2016 gerade einmal 20,4 Prozent der gesamten Umsätze mit digitalen Produkten und Dienstleistungen erwirtschaftet. Der große Rest der Einnahmen erfolgte mit klassischen Angeboten der Branche.

„Die Elektroindustrie ist also in ihrem Kernbereich – dem Verkauf von Produkten – weiter fortgeschritten. Die Nutzung der sich aus der Digitalisierung ergebenden Potenziale für die Prozessoptimierung und die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle steht dagegen noch ganz am Anfang.“

Zudem beobachtete die Studie ein signifikantes Gefälle je nach Größe des befragten Unternehmens. Je größer, desto höher auch der digitale Umsatz-Anteil. Umgekehrt erreichte er bei Kleinbetrieben auch nur 15,3 Prozent.

Das bedeutet, die Branche befindet sich in einer Situation, in der sie zwar eine wichtige digitale Bake für zahlreiche andere Sparten darstellt, darf allerdings auch nicht selbst darüber vergessen.

Von der Elektrobranche lernen = Siegen lernen?

Vorbilder zu haben bedeutet nicht, blind nachzueifern. Das wäre auch in einem betrieblichen Umfeld ebenso falsch wie im Privatleben. Wohl aber kann es sich für unzählige Branchen lohnen, vor allem in digitaler Hinsicht, einiges von der Elektrobranche als Beispiel heranzuziehen und für die eigenen Belange anzupassen.

Dazu gehören:

  • Die enorm hohe Bereitschaft, niemals an überkommenen Dingen oder auch nur dem Status Quo festzuhalten, weil Traditionen oder Prinzip es mutmaßlich so diktieren.
  • Die Lust daran, bei der Entwicklung und auch Einführung neuer Techniken, Prozesse usw. nicht nur vorsichtig lauernd abzuwarten und zu schauen, was andere tun, sondern selbst ein Bein auszustrecken und den ersten Schritt zu tun.
  • Der Wille, sich selbst ständig zu optimieren, um den Beruf, seine Ausübenden und die Ausbildung am Puls der Zeit zu halten. Sprich, das nach vorn strebende Bewegungsmoment zu erhalten und immer wieder anzuschieben.

Das Potenzial dazu steckt in faktisch jeder Branche, auch wenn sie nicht primär elektrisch ist – mit der fortschreitenden Digitalisierung wird sie es spätestens in den kommenden Jahren ebenso werden, wie selbst der Dorfschmied einst einen elektromechanischen Lufthammer anschaffen musste, um weiterhin am Markt bestehen zu können.

Fazit

Die Elektrobranche treibt das Handwerk und die Digitalisierung an. Jedoch nicht bloß, weil die digitale Technik zu ihren ureigensten Aufgaben gehört. Vielmehr ist es die gesamte Arbeitsweise der Elektrotechnik, die sie seit jeher prädestiniert, vorwärts zu gehen – und weil unsere Zukunft so zutiefst elektrisch und digital sein wird, ist diese Branche es, die nunmehr federführend ist.

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