Technologiehoheit schafft Handlungsfreiheit
Interview mit Céline Quervel, Geschäftsführerin der W. Classen GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Frau Quervel, welche Meilensteine haben CLASSEN geprägt?
Céline Quervel: Mein Großvater gründete das Unternehmen 1962, noch während seines Studiums. Aus dem Großhandel entwickelte er schrittweise eine eigene Produktion. 1994 entstand unser Standort in Kaisersesch, 2006 folgte Baruth, heute der weltweit größte integrierte Laminatstandort mit Strahlkraft für die Branche. In den vergangenen fünf Jahren wurden aus Technologie- und Wachstumsmeilensteinen allerdings vielfach Krisenmeilensteine. Wir mussten uns immer wieder kurzfristig neu ausrichten.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt die eigene Technologie für Ihren Erfolg?
Céline Quervel: Eine sehr große. Wir halten rund 1.300 Patente und entwickeln Rezepturen, Verriegelungssysteme, Digitaldruckverfahren und Maschinenkonzepte.
Zu den wichtigsten Entwicklungen gehört Megaloc, das Klicksystem für Laminat. Teil unseres Geschäftsmodell ist das Lizenzieren unserer Technologien an andere Hersteller. Das schafft Einnahmen, finanziert unsere Entwicklungsarbeit und verbessert unsere Kostenposition, gerade unter den schwierigen Bedingungen in Deutschland.
Wirtschaftsforum: Warum gewinnt diese Unabhängigkeit derzeit zusätzlich an Bedeutung?
Céline Quervel: Wir sind international tätig und zugleich Faktoren ausgesetzt, die wir nicht steuern können: Zölle, Energiekosten, neue EU-Vorgaben und geopolitische Konflikte, die Rohstoffe verknappen. Rund 90% unserer Produktion gehen in den Export. Die USA sowie West- und besonders Osteuropa sind wichtige Märkte. Wenn sich Rahmenbedingungen kurzfristig ändern, ist es entscheidend, die Kerntechnologie selbst zu beherrschen. So können wir Kapazitäten aufbauen, Standorte prüfen und über Lizenzen skalieren, ohne die technologische Kontrolle abzugeben.
Wirtschaftsforum: Im Mittelpunkt steht Ihr Polypropylenboden. Was ist daran besonders?
Céline Quervel: Wir wollten eine Alternative zu PVC schaffen. Erste Produkte kamen 2015 auf den Markt. Seitdem haben wir Performance und Herstellung kontinuierlich weiterentwickelt. Mit einem chinesischen Technologiepartner entstand ein neues Anlagenkonzept, das wir in diesem Sommer fertiggestellt haben. Damit erreichen wir ein mit der PVC-Industrie vergleichbares Kostenniveau und können den Boden massentauglich machen. Ein großer Teil des Polypropylens ist Sekundärrohstoff, unter anderem aus dem Gelben Sack.
Wirtschaftsforum: Wo sollen neue Kapazitäten entstehen?
Céline Quervel: Wir prüfen neben Deutschland auch Standorte in Südostasien. Eine solche Investition muss sich für die nächsten 10 bis 20 Jahre tragen, und das in einer unsicheren geopolitischen Lage. Parallel sollen Wettbewerber unsere Technologie gegen Lizenzgebühren nutzen können. So lässt sie sich schneller im Markt verbreiten.
Wirtschaftsforum: Wie ist die Gruppe heute aufgestellt?
Céline Quervel: Unsere Säulen sind Laminatboden, Polypropylenboden und Türen aus Polen. Patente und Lizenzen kann man als vierte Säule verstehen. Wir beschäftigen rund 1.850 Menschen, davon etwa 1.300 in Deutschland, und erzielen ungefähr 500 Millionen EUR Umsatz. Laminat bleibt die größte Produktsparte, obwohl der Markt gegenüber dem Höchststand 2021 auf etwa die Hälfte geschrumpft ist.
Wirtschaftsforum: Was entscheidet aus Verbrauchersicht über den Erfolg eines Bodens?
Céline Quervel: Design, Preis, Performance und Gesundheit. Nachhaltigkeit ist für uns selbstverständlich, doch der Endkunde zahlt dafür meist keinen Aufpreis. Beim Design bleibt die ruhige Eiche im Wohnbereich der Klassiker. Beim Preis müssen wir angesichts deutscher Kostenstrukturen diszipliniert sein. Deshalb automatisieren wir Produktion und Verwaltung und setzen Fachkräfte stärker für komplexe Aufgaben ein. Das hilft auch beim Fachkräftemangel. An der Produktqualität sparen wir nicht. Gesundheit rückt in den Fokus, weil Bodenbeläge die Raumluft beeinflussen und wir schädliche Emissionen vermeiden wollen.
Wirtschaftsforum: Wie erleben Sie den Generationswechsel?
Céline Quervel: Ich kam aus einem Softwareunternehmen und stieg zu Beginn der Coronapandemie bei CLASSEN ein. Als Frau in einer männerdominierten Branche war der Start nicht einfach.
Heute verantworte ich vor allem Marketing, Vertrieb und Strategie. Meine Mutter ist CFO, meine ältere Schwester orientiert sich stärker an Finanzen und Verwaltung. Unsere Schwerpunkte ergänzen sich. Die Verbindung aus Erfahrung und der Dynamik der jüngeren Generation hilft uns, beweglich zu bleiben.
Wirtschaftsforum: Wie blicken Sie in die Zukunft?
Céline Quervel: Mit Zuversicht, aber auch mit Respekt. Wir dürfen nicht darauf warten, dass das nächste Jahr automatisch besser wird. Wir brauchen eine langfristige Richtung und müssen zugleich kurzfristig anpassungsfähig bleiben. Optimismus ist wichtig, Naivität können wir uns nicht leisten. Konkret werden wir die Skalierung unserer Polypropylen-Technologie vorantreiben, zusätzliche Produktionskapazitäten aufbauen und unser Lizenzgeschäft weiter ausbauen. Gleichzeitig investieren wir in Automatisierung, Digitalisierung und die weitere Internationalisierung unserer Aktivitäten. Unser Ziel ist es, technologisch führend zu bleiben und durch eigene Innovationen unabhängiger von geopolitischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten zu werden.












