Kabelpionier der ersten Stunde

Interview mit Dr. Johannes Kaumanns, Managing Director der Südkabel GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Kaumanns, die Geschichte der Stromversorgung in Deutschland ist untrennbar mit der Firmengeschichte der Südkabel GmbH verbunden – erzählen Sie uns etwas darüber.

Johannes Kaumanns: Die Wurzeln des Unternehmens reichen bis ins Jahr 1898 zurück. Damals wurden in Mannheim die Süddeutschen Kabelwerke gegründet, und zwar im Zuge der Elekitrifizierung der Großstädte – wo Großkraftwerke gebaut wurden, musste der Strom schließlich in die Fabriken und Haushalte gebracht werden. Der Name unseres Unternehmens hat sich in den 120 Jahren seines Bestehens mehrfach geändert, immer gleich geblieben ist aber die konsequente Ausrichtung auf Innovation.

Wirtschaftsforum: Können Sie das an einigen Beispielen verdeutlichen?

Johannes Kaumanns: Die Liste unserer Innovationen ist lang: Anfang der 1970er-Jahre brachten wir das erste 110-kV-VPE-Kabelsystem heraus – also VPE-isolierte Hochspannungskabel. Die Entwicklung in diesem Bereich haben wir seitdem stetig vorangetrieben: 1988 mit der ersten VPE-isolierten 220-kV-Kabelanlage, 1996 mit der ersten 400-kV-VPE-Kabelanlage in Europa, 1999 mit der Entwicklung eines 500-kV-VPE-Kabelsystems ... um nur einiges zu nennen. 2018 haben wir HVDC-Kabelsysteme von 320 bis 525 kV entwickelt.

Wirtschaftsforum: Ein Know-how, das auf 120 Jahren Erfahrung fußt, ist schon etwas Besonderes – in jeder Branche. Welche Alleinstellungsmerkmale hat Ihr Unternehmen außerdem?

Johannes Kaumanns: Wir heben uns zum Beispiel auch dadurch vom Wettbewerb ab, dass wir nicht nur Hoch-, Höchst- und Mittelspannungskabel entwickeln und produzieren, sondern außerdem die entsprechenden Verbindungselemente und Kabelgarnituren, bei denen wir im Übrigen die technologische Spitze bilden. Wir können also als Systemlieferant auftreten. Hinzu kommt, dass wir neben der Entwicklung und Herstellung von Kabeln und Kabelsystemen auch Montage und Inbetriebnahme übernehmen. Wir liefern damit alles aus einer Hand. Die Montage umfasst zum Beispiel Leistungen wie Streckenplanung und Trassierung oder die Ausarbeitung von Ablauf- und Verlegeplänen. In Großstädten, wo es an genügend Platz für Freileitungen mangelt, müssen die Kabel unterirdisch verlegt werden – in Schächten und Tunneln. In diesem Bereich sind wir wohl diejenigen mit dem umfassendsten Know-how und der größten Erfahrung: Insgesamt haben wir seit 2000 weltweit 1.500 km 400-kV-Kabel montiert und etliche große Höchstspannungskabel-Projekte abgewickelt, beispielsweise das City of London-Tunnelprojekt. Dafür haben wir bis zu 20 km Kabelsysteme geliefert und montiert. Auch im Nahen Osten, in Oman und Saudi-Arabien, sind wir tätig.

Wirtschaftsforum: Was sind Ihrer Ansicht nach die Bausteine des Erfolgs von Südkabel?

Johannes Kaumanns: Als Mittelständler sind wir sehr flexibel. Wir können auf Kundenwünsche und allgemein auf Veränderungen schnell reagieren. Das liegt an unseren flachen Entscheidungsstrukturen; bei uns gibt es keine Overhead-Strukturen wie in klassischen Konzernen. Ein Vorteil ist, dass wir nur einen Standort haben, an dem Entwicklung, Tests und Produktion stattfinden – maßgeschneiderte Kabel und Kabelsysteme aus einer Hand und von einem Standort, was auch kurze Lieferzeiten ermöglicht. Abgesehen davon pflegen wir eine Firmenkultur der offenen Tür, also mit einem sehr offenen Arbeitsklima, das unsere Mitarbeiter zu schätzen wissen. Viele sind schon etliche Jahre bei uns.

Wirtschaftsforum: Sie selbst sind auch schon seit 20 Jahren bei Südkabel und im Laufe der Jahre vom Abteilungsleiter bis zum Geschäftsführer aufgestiegen. Wie beschreiben Sie die Entwicklung des Unternehmens, welche Impulse möchten Sie geben?

Johannes Kaumanns: Südkabel ist über viele Jahre Technologieführer bei Höchstpannungs-VPE-Kabeln gewesen. Inzwischen hat die Konkurrenz aufgeholt und es geht jetzt für uns darum, unseren technologischen Vorsprung zu halten und AC/DC-Kabel im High-End-Bereich weiterzuentwickeln. Deutschland ist ein Hochlohn-Standort, hier können wir unsere Kosten im High-End-Bereich erwirtschaften. Kabel sind unsere DNA – genau das wollen wir auch zukünftig leben. Auch an der Kosteneffizienz werden wir weiter arbeiten.

Wirtschaftsforum: Was ist Ihr persönliches Steckenpferd und was motiviert Sie?

Johannes Kaumanns: Wenn man wie ich 20 Jahre bei einem Unternehmen ist, beackert man im Laufe der Zeit ein weites Feld. Ich habe hier eine Entwicklung durchgemacht: Als promovierter Elektroingenieur habe ich immer Freude an der Entwicklung von Technologien gehabt. Heute gefällt es mir jedoch noch besser, Kunden für neue Kabellösungen und -technologien zu begeistern, also ein High-End-Produkt an den Mann zu bringen. Hier kann ich die Sachkenntnis, die ich als Ingenieur von der Materie habe, sehr gut einsetzen, denn der Vertrieb im High-End-Bereich ist sehr techniklastig. Um hier das Optimum herauszuholen, braucht es eine technisch fundierte Beratung der Kunden und eine Analyse ihrer spezifischen Bedarfe. Für mich hat sich daraus wenn man so will eine Art Hobby entwickelt: Ich bin Dozent an der Uni Darmstadt und es macht mir Freude, Studierenden mein Fachgebiet nahezubringen. Das Kommunikative, die Zusammenarbeit mit Menschen macht mir viel mehr Spaß, als im stillen Kämmerlein Technik zu entwickeln.

Wirtschaftsforum: Wie schätzen Sie die Entwicklung der Branche insgesamt ein? Braucht man in Zukunft angesichts der dezentralen Energieversorgung überhaupt noch Kabel?

Johannes Kaumanns: An sich sollte es ja keine langen Übertragungsdistanzen geben. Aber: In Deutschland waren die Netze immer schon dezentral aufgebaut, denn Kraftwerke wurden eben dort gebaut, wo man die Energie brauchte – in Großstädten oder allgemein in Ballungsräumen. Die Distanz bis zum Kraftwerk betrug im Durchschnitt unter 100 km. Heute jedoch wandelt sich die Situation: Die klassischen Kraftwerke werden nach und nach abgeschaltet. Strom, der zum Beispiel aus Windkraft erzeugt wird, kommt aus Regionen, in denen diese Ressource vorhanden ist, nämlich von der Küste – riesige Produktionskapazitäten, aber weit weg von dort, wo die Energie tatsächlich gebraucht wird. In Deutschland müssen viele neue Netze gebaut werden, um diese Kapazitäten zu transportieren. Das kann nicht durch dezentrale Energieversorgung ausgeglichen werden. Die Energiewende bedeutet in Deutschland längere Verteilungswege. Künftig werden sich die Netze nochmals verändern, aber auf absehbare Zeit lässt sich ein hoher Bedarf an Kabeln und Kabelsystemen feststellen. Hier besteht also dauernd Verbesserungsbedarf, was eine stetige Entwicklung garantiert. Auch E-Mobilität bedeutet zusätzliche Verbraucher, die mit elektrischer Energie versorgt werden müssen. Der Verbrauch wird sich nochmals erhöhen.

Wirtschaftsforum: Welche Botschaft haben Sie vor diesem Hintergrund an die Politik?

Johannes Kaumanns: Entscheidungen werden von der Politik leider immer nur sehr langsam getroffen, was die zügige Umsetzung von Plänen unmöglich macht. Ein Beispiel dafür ist die Energiewende: Nach dem FOCUS-Schema sollte sie in zehn Jahren umgesetzt sein. Das wird aber derzeit nicht zu schaffen sein, weil die Entscheidungswege einfach zu lang sind. Die Industrie wird dadurch behindert, da Planungsvorgaben so immer mit einem Fragezeichen versehen sind. Industrieunternehmen können entsprechend nur Kapazitäten aufbauen, wenn der Bedarf da ist, aber die Planung des Ganzen braucht ja auch einen gewissen Vorlauf! Eine zügigere Entscheidungsfindung, die eine bessere und vorausschauende Planung ermöglicht, wäre also sehr wünschenswert.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie die Südkabel GmbH in einem Zeitraum von fünf Jahren, was möchten Sie erreichen und welche Trends, glauben Sie, werden sich bis dahin durchsetzen?

Johannes Kaumanns: Wir werden in jedem Fall wie bisher mit eigenen Lösungen und Produkten den High-End-Bereich weiterentwickeln, den eingeschlagenen Weg also weitergehen und an der nächsten Evolutionsstufe der Kabeltechnik wie bisher erfolgreich mitwirken. In fünf Jahren werden wir unsere Produktkapazität auf den High-End-Bereich angepasst haben. Außerdem wollen wir den Umstieg auf die Gleichstrom-Technologie schaffen und weitere, nochmals umfangreichere und längere Kabel als Einzelstrecken liefern können, um eine höhere Energieeffizienz für größere Projekte, vor allem im Hochspannungssektor, zu erreichen. Das ist notwendig, weil es auch hier einen Trend zu immer größeren Projekten gibt. Letzteres spiegelt sich auch in unserem Umsatz wider: Aktuell generieren wir zwei Drittel davon im Ausland mit Höchstspannungskabeln für den weltweiten Bedarf. Für den deutschen Markt produzieren wir dagegen neben Hochspannungskabeln auch Mittelspannungskabel und -garnituren. Hier gibt es einen Trend hin zu Smart-Lösungen – sprich, es geht darum, die Messtechnik smart zu machen, damit der Kunde zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort die entsprechenden Messwerte ablesen kann. Auch hier können wir schon jetzt Lösungen präsentieren und werden uns auch in den nächsten Jahren weiter in diese Richtung bewegen. So gehen wir auch in Zukunft immer mit der Zeit.

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