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Die Notwendigkeit von Schlaf: Warum Schlafmangel epidemische Ausmaße annimmt

Interview mit Els van der Helm, Schlafexpertin und Co-Founder von Shleep

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Wirtschaftsforum: Was sollten Führungskräfte über die Bedeutung von Schlaf wissen und was sollten sie an ihre Mitarbeiter weitergeben?

Els van der Helm: Schlaf ist aus vielerlei Gründen wichtig: Für Fühungskräfte am wichtigsten ist, dass Schlaf einen goßen, aber oft unbemerkten, Einfluss auf die Bottom-Line, d.h. den Gewinn des Unternehmens hat. Ich würde das in vier Kategorien einteilen: Produktivität und Leistung, Mitarbeiterbindung und -gewinnung, Gesundheitsvorsorgekosten und Sicherheit.

Was Produktivität und Leistung betrifft: Schlafmangel wirkt sich sowohl auf den IQ als auch auf den EQ von Menschen aus. Im Hinblick auf den IQ lassen sich seine Auswirkungen auf die Entscheidungsfindung beobachten: Es wird schwieriger, die richtigen Entscheidungen zu treffen und kreativ zu sein. Darüber hinaus Menschen weniger engagiert und die allgemeine Führungsfähigkeit sinkt. Denkt man dagegen an den EQ, beeinflusst Schlafmangel in hohem Maße sowohl unsere Fähigkeit, Gefühle bei anderen wahrzunehmen, als auch die Fähigkeit, unsere eigenen Emotionen zu steuern. Dazu gehören auch Dinge wie Vertrauen, Empathie und ethisches Verhalten. Schlaf hat einen enormen Einfluss darauf, was Menschen bei der Arbeit leisten und wie sie zusammenarbeiten, egal, ob mit Arbeitskollegen oder Kunden.

Auch Mitarbeitergewinnung und -bindung sind wichtig. Immer mehr Menschen wünschen sich eine ausgewogene Work-Life-Balance. Wir beobachten, dass viele unserer Kunden damit zu kämpfen haben, ihre Leistungsträger im Unternehmen zu halten. Oft wollen diese zu Unternehmen wechselnin denen sie sich eine bessere Work-Life-Balance erhoffen. Zeigen zu können, dass sie guten Schlaf wertschätzen, ist für Unternehmen ein wertvolles Instrument zur Mitarbeitergewinnung und -bindung.

Weiterhin sind da die Kosten für die Gesundheitsvorsorge. Schlafmangel hat einen großen Einfluss sowohl auf die körperliche als auch die mentale Gesundheit. Was die körperliche Gesundheit betrifft, gibt es kaum eine Krankheit, auf die Schlafmangel sich nicht auswirkt. Beispiel sind Demenz, Diabetes und Krebs, aber auch die mentale Gesundheit leidet oft bei Schlafmangel. Das ist gerade ein Riesenthema in den USA und Großbritannien und auch ein Grund, warum immer mehr Arbeitgeber mehr in mentale Gesundheit ihrer Mitarbeiter investieren. Wir beobachten, dass Menschen ein viel höheres Risiko haben, eine Depression oder eine Angststörung zu entwickeln, wenn es ihnen an Schlaf mangelt. Dies führt wiederum zu einem höheren Risiko für Selbstmord, ADHS oder Vereinsamung.

Der letzte Punkt ist Sicherheit. Wenn Menschen müde sind, steigt das Risiko eines Unfalls dramatisch an. Für manche Unternehmen ist Sicherheit entscheidend, etwa wenn es um körperliche Arbeit, das Bedienen von Maschinen oder das Autofahren geht.

Wirtschaftsforum: Unter welchen Gesichtspunkten konzipieren Sie die Programme und Workshops, die Sie bei Shleep anbieten?

Els van der Helm: Für Arbeitgeber ist es zunächst wichtig zu erkennen, dass sie eine Verantwortung haben. Das Problem sind nicht nur die Mitarbeiter, die schlecht schlafen und ihrem eigenen Schlaf keine Priorität einräumen, sondern es ist oft die Rolle, die der Arbeitgeber dabei spielt. Viele unserer Kunden beklagen sich darüber, dass es sich für sie so anfühlt, als ob es im Unternehmen eine 24/7-Kultur gäbe. Sie haben das Gefühl, immer abrufbereit sein und sofort auf jede E-Mail antworten zu müssen. Wenn wir mit unseren Kunden arbeiten, fokussieren wir uns stark auf diese Verantwortlichkeitsbereiche. Wir helfen dem Kunden, indem wir ihm vor Augen führen, was sie tun können, um die Firmenkultur in Bezug auf Schlaf so zu verändern, dass Schlaf tatsächlich wertgeschätzt wird. Doch auch die Mitarbeiter müssen Verantwortung übernehmen und ihre negativen Schlafgewohnheiten ändern. Um gut zu schlafen, ist es sicher nicht das Beste, am Abend drei Stunden Netflix zu schauen. Wir helfen Ihnen hier bei einer Verbesserung ihrer Schlafgewohnheiten

Wirtschaftsforum: Die Kollegen von European Business hatten mit der Autorin Vicki Culpin ein Interview über ihr Buch ‘The Business of Sleep’. Sie sagte: „Um sicherzustellen, dass Sie die nötige Menge und richtige Qualität an Schlaf bekommen, ist es oftmals notwendig, Prioritäten zu setzen und das Schlafen anderen Aktivitäten vorzuziehen.“ Stimmen Sie dieser Ansicht zu?

Els van der Helm: Ja. Letztendlich müssen wir alle abwägen, was gut für uns ist und ich denke, dass das Ergebnis in den meisten Fällen so ausfallen sollte, dass Schlaf Priorität hat. Natürlich ist es nicht möglich, dem Schlaf immer die höchste Priorität vor allem anderen einzuräumen. Unser Ziel ist, dass Menschen wenigstens zu 75% der Zeit in der Nacht guten Schlaf bekommen und verstehen, dass manin manchen Nächten einfach nicht so ausreichend Schlaf bekommt – aus welchen Gründen auch immer. Aber wir fokussieren uns auf die 75%, um sicherzustellen, dass man für gewöhnlich genug schläft. Manchmal zieht man dem Schlaf eine Feier oder eine schöne Flasche Wein gemeinsam mit dem Partner oder Freunden vor, und das ist in Ordnung. Es lässt sich mit dem Kompromiss vergleichen, den man beim Thema Ernährung eingehen muss.

Jeder kennt Lebensmittel, die man essen kann und die man vermeiden sollte. Wenn man das im Hinterkopf behält, ist nichts falsch daran, sich ab und zu einen Nachtisch zu gönnen, solange man sonst gesund isst. Über Ernährung wissen Menschen sehr gut Bescheid, aber was Schlaf angeht, kennen sie sich leider häufig noch sehr wenig aus. Oft ist unseren Kunden nicht bewusst, wie sich zu wenig Schlaf auf ihre Leistungsfähigkeit am nächsten Tag sowie dauerhaft auf ihre physische und mentale Gesundheit auswirken kann. Das ist etwas, das wir den Menschen näher bringen wollen, damit Entscheidungen sie informierte Entscheidungen treffen können.

Els van der Helm
„Schlafmangel nimmt im Moment epidemische Ausmaße an. Wir wissen, dass 35% der Menschen sechs Stunden pro Nacht oder weniger schlafen.“ Els van der HelmSchlafexpertin und Co-Gründerin von Shleep

Wirtschaftsforum: Ist Schlafmangel in unserer Gesellschaft allgegenwärtig und was kann die Gesellschaft dagegen tun?

Els van der Helm: Schlafmangel nimmt im Moment epidemische Ausmaße an. Wir wissen, dass 35% der Menschen sechs Stunden pro Nacht oder weniger schlafen, obwohl sieben bis neun Stunden die empfohlene Menge sind. Wir wissen auch, dass 48% der Menschen sich darüber beklagen, dass sie wenigstens eine Nacht pro Woche Schwierigkeiten haben, ein- oder durchzuschlafen. Und schließlich wissen wir, dass 38% der Menschen zugeben, im letzten Monat mindestens ein mal unbeabsichtigt eingeschlafen zu sein. Das ist ziemlich erschütternd. Schlafmangel ist gefährlich - für jeden einzelnen, für Unternehmen, und damit für unsere Gesellschaft.

Wir versuchen, über die Unternehmen Teil der Lösung zu sein. Wir fühlen, dass es in 2019 ziemlich schwierig sein kann, Menschen davon zu überzeugen, etwas gegen Schlafmangel zu tun, da sie sich nicht bewusst sind, dass sie zu wenig schlafen.

Wir versuchen Wege zu finden, um sie zu erreichen und stellen fest, dass der Weg über ihre Arbeitgeber sehr effektiv ist. Man kann auch ihr Umfeld ins Auge fassen. Ein Beispiel: Ein Angestellter, der mit uns arbeitet, erhält eine E-Mail über seinen Arbeitgeber, die Kollegen machen mit, und auch der Manager klinkt sich ein. Es könnten Hinweisschilder in der Cafeteria angebracht werden, etwa neben der Kaffeemaschine. Alle erhalten jede Woche eine E-Mail, sie verwenden unsere App, gemeinsam mit ihren Kollegen. Es gibt viele Erinnerungen und gegenseitige Unterstützung, den Schlaf zu priorisieren und an gesundem Schlaf zu arbeiten. Dies ist einer der effektivsten Wege, Menschen dabei zu helfen, besser zu schlafen.

Selbstverständlich muss auch stärker darauf geachtet werden, Kindern die Bedeutung von Schlaf nahezubringen, um zu verhindern, dass wir in der kommenden Generation auf ähnliche Probleme stoßen. Als Unternehmen konzentrieren wir uns zwar derzeit voll Unternehmen, aber ich fände es großartig, Schlaf bei Kindern in Zukunft mit Shleep in Angriff zu nehmen.

„Es muss stärker darauf geachtet werden, Kindern die Bedeutung von Schlaf nahezubringen, um zu verhindern, dass dasselbe in der kommenden Generation auf ähnliche Probleme stoßen.“ Els van der HelmSchlafexpertin und Co-Gründerin von Shleep
Els van der Helm

Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihre eigene abendliche Routine aus, um schneller einzuschlafen und einen allgemein gesünderen Schlaf zu erreichen?

Els van der Helm: Für mich ist die Zeit, in der ich nicht erreichbar bin, sehr wichtig. Außerdem mache ich Sport. Ich fahre von der Arbeit mit dem Fahrrad in 30 Minuten nach Hause. Dadurch ist es möglich, von der Arbeit abzuschalten und ich kann mich körperlich betätigen. Wenn ich nach Hause komme, versuche ich möglichst nicht zu arbeiten und mein Smartphone so wenig wie möglich zu benutzen. Vor gerade fünf Monaten habe ich meine Tochter bekommen; das wirkt sich auch auf meinen Schlafrhythmus aus, weil sie morgens konsequent um 6:30 Uhr aufwacht. Was meinen Schlaf angeht, habe ich mich nie besser gefühlt. Toll ist auch, dass mir die morgendliche Fahrt mit dem Fahrrad hilft, einen frühen Zeitplan einzuhalten.

Interview: Vera Gaidies | Fotos: Shleep

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