Von der Saat bis zum Garn – seit 1873
Interview mit Clara Dughetti, Agronomin der Linificio e Canapificio Nazionale s.r.l.

Wirtschaftsforum: Frau Dughetti, das Linificio e Canapificio Nazionale blickt auf eine lange Geschichte zurück. Wie hat der Familienbetrieb es geschafft, diese Tradition in die Gegenwart zu tragen?
Clara Dughetti: Das Unternehmen wurde 1873 gegründet – das sind mehr als 150 Jahre Erfahrung. Wir sehen diese Geschichte nicht nur als Erbe, sondern auch als Verpflichtung. Unsere Entwicklung war immer geprägt von Anpassung: von der Industrialisierung über die Nachkriegszeit bis zur Eingliederung in die Marzotto-Gruppe in den 1980er-Jahren. Ein wichtiger Meilenstein war der Start unseres Projekts ‘Lino d’Italia’ – damit haben wir die Flachsfaser zurück auf italienische Felder gebracht und eine europäische, rückverfolgbare und nachhaltige Lieferkette aufgebaut. Seit 2021 sind wir offiziell Società Benefit zertifiziert – das zeigt, dass wir nicht nur wirtschaftlichen Erfolg im Blick haben, sondern auch Verantwortung für Umwelt, Gesellschaft und faire Unternehmensführung übernehmen. Einfach gesagt: Wir wollen mit unserem Geschäft Gutes tun – für Mensch und Planet.
Wirtschaftsforum: Was ist Ihr Kerngeschäft?
Clara Dughetti: Wir produzieren exklusive Leinen- und Hanffilamente für die Premium- und Luxussegmente – vom Home-Textile-Bereich bis zur Haute Couture. Neben klassischen Garnen entwickeln wir innovative Lösungen für technische Anwendungen – darunter Bio-Composite-Materialien, medizinische Textilien oder sogar Schiffssegel. Unsere Stärke liegt in der Kontrolle der gesamten Wertschöpfungskette: von der Saat bis zur Spule. Wir investieren intensiv in Forschung, entwickeln neue Mischungen und nutzen Technologien wie Blockchain zur Rückverfolgbarkeit.
Wirtschaftsforum: Sie sind Agronomin – was genau umfasst Ihre Rolle im Unternehmen?
Clara Dughetti: Als Agronomin liegt mein Fokus auf dem Ursprung unserer Faser: dem Feld. Ich begleite den gesamten Anbauprozess, entwickle nachhaltige Anbaustandards und arbeite eng mit unseren landwirtschaftlichen Partnern zusammen. Dabei geht es nicht nur um Qualität, sondern auch um Rückverfolgbarkeit und Auswirkungen auf die Umwelt. Gemeinsam bringen wir dieses Know-how strategisch in die Weiterentwicklung unserer Produkte und Prozesse ein – angefangen bei der Saat bis zum Endprodukt, dem Garn.
Wirtschaftsforum: Nachhaltigkeit ist in aller Munde – wie leben Sie dieses Thema konkret?
Clara Dughetti: Wir verstehen Nachhaltigkeit als tief verankerten Prozess, der beim Boden beginnt. Durch gezielte Fruchtfolgen, Maßnahmen zum Erhalt der Bodengesundheit und transparente Partnerschaften mit regionalen Landwirten schaffen wir die Grundlage für eine verantwortungsvolle Faserproduktion. Mit unserem Projekt ‘Lino d’Italia’ setzen wir ein technisches Protokoll um, das ökologische und ökonomische Faktoren gleichermaßen berücksichtigt. Und weil wir Wirkung messbar machen wollen, veröffentlichen wir jährlich einen detaillierten Impact Report.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt die Digitalisierung in Ihrer Arbeit?
Clara Dughetti: Digitale Tools sind für uns ein strategisches Werkzeug. Wir nutzen sie für die Prozessautomatisierung, für die Qualitätskontrolle und für die Rückverfolgbarkeit – etwa über Blockchain-Systeme. Besonders spannend finde ich, wie wir dank Datenanalyse ein besseres Verständnis für die Naturfaser gewinnen. So können wir ihre Eigenschaften gezielt nutzen und weiterentwickeln – trotz ihrer natürlichen Schwankungen.
Wirtschaftsforum: Welche Zielgruppen bedienen Sie – und wo sehen Sie weiteres Potenzial?
Clara Dughetti: Unsere Kunden kommen aus verschiedenen Bereichen – Mode, Interior, Automotive oder Industrie. Neben der Textilbranche erschließen wir verstärkt technische Märkte: Wir entwickeln zum Beispiel Formteile aus Flachs für den Automobilbau oder Verpackungslösungen, die vollständig kompostierbar sind. Naturfasern sind in vielen dieser Segmente noch ein Nischenprodukt – doch ihr Potenzial ist riesig, besonders unter dem Aspekt der Kreislaufwirtschaft.
Wirtschaftsforum: Wohin geht die Reise in den kommenden Jahren und wie schätzen Sie die Marktentwicklung ein?
Clara Dughetti: Wir sehen eine stetig wachsende Nachfrage nach verantwortungsvoll produzierten Naturfasern, insbesondere im Textilbereich. Dabei setzen wir auf eine enge Verzahnung von nachhaltiger Landwirtschaft und moderner Industrie – ein Ansatz, den unser Geschäftsführer Luca Vignaga konsequent vorantreibt. Wir glauben fest daran, dass nur durch innovative Prozesse entlang der gesamten Wertschöpfungskette – vom Feld bis zur Faser – eine echte Transformation möglich ist. Das Bewusstsein für ökologische und soziale Verantwortung nimmt branchenübergreifend zu, und wir sind überzeugt, dass unser klarer Fokus auf Regionalität, Rückverfolgbarkeit und Qualität genau den Nerv der Zeit trifft.












