Zwischen Handwerk, Heritage und Handel

Interview mit Martin Picard, Geschäftsführer der PICARD Lederwaren GmbH & Co. KG

Die Geschichte von PICARD beginnt im Jahr 1928. Damals gründete Martin Picards Urgroßvater, der ebenfalls Martin Picard hieß, gemeinsam mit seinem Bruder Alois ein Unternehmen für Lederwaren. Während der eine die geschäftliche Seite verantwortete, brachte der andere das handwerkliche Know-how als Feintäschner ein. Aus einem kleinen Heimbetrieb entwickelte sich rasch eine Serienfertigung, die den Grundstein für den späteren Erfolg legte und das Unternehmen in der Region schnell bekannt machte. Im Laufe der Jahrzehnte wuchs das Unternehmen stetig und beschäftigte zeitweise über 1.000 Mitarbeitende in eigenen Produktionsstätten in Hessen. Doch mit der zunehmenden Globalisierung der Branche geriet auch die deutsche Lederwarenindustrie unter Druck. „Viele Hersteller standen vor großen Herausforderungen, weil Produktion in Deutschland immer teurer wurde“, erklärt Geschäftsführer Martin Picard. Der entscheidende strategische Schritt gelang durch eine frühzeitige Internationalisierung. Produktionsstandorte in Ländern wie Tunesien, China oder Bangladesch ergänzten schrittweise die Strukturen in Deutschland und ermöglichten es, wettbewerbsfähig zu bleiben. Gleichzeitig blieb ein Teil der Fertigung bewusst in Obertshausen erhalten – ein wichtiges Zeichen für die handwerklichen Wurzeln, die Qualität und die Identität des Unternehmens.

Generationswechsel mit frischen Impulsen

Seit Anfang 2026 steht Martin Picard selbst an der Spitze des Unternehmens. Der Weg dorthin verlief bewusst nicht geradlinig. Zunächst gründete er ein eigenes Start-up im E-Commerce-Bereich und sammelte umfangreiche Erfahrungen im digitalen Vertrieb sowie im Aufbau moderner Markenstrukturen. „Ich wollte erst mein eigenes Ding machen und mir die Fähigkeiten aneignen, um später wirklich etwas bewegen zu können“, sagt Martin Picard. Erst nach mehreren Jahren entschied er sich, in das Familienunternehmen einzusteigen und seine Erfahrungen dort gezielt einzubringen. Heute beschäftigt PICARD rund 80 Mitarbeitende, darunter etwa 55 am Hauptsitz in Obertshausen sowie Teams in eigenen Flughafen-Shops in Frankfurt und München. Die Produktpalette umfasst Lederwaren für Damen und Herren, wobei rund 70% des Umsatzes im Damenbereich erzielt werden. Ein besonderes Merkmal des Unternehmens ist die weiterhin vorhandene eigene Produktion am Standort Deutschland. „Viele Marken haben das Handwerk komplett ausgelagert. Wir können noch selbst eine Tasche entwickeln und fertigen – das wird international sehr geschätzt“, betont Martin Picard. Zum Qualitätsanspruch gehört auch ein eigener Reparaturservice in Obertshausen, bei dem beschädigte Taschen instand gesetzt werden. Damit strebt das Unternehmen bewusst die Langlebigkeit und nachhaltige Nutzung seiner Produkte an.

Internationale Präsenz und ­starke Partnerschaften

Neben dem klassischen Einzelhandel setzt PICARD zunehmend auf internationale Kooperationen und Projektgeschäft. Über Jahrzehnte hinweg hat das Unternehmen weltweit Handelspartner aufgebaut – von Europa bis in alle Welt. So finden sich Kunden heute unter anderem in Ländern wie der Mongolei oder im Libanon sowie in weiteren internationalen Absatzmärkten. „Mein Vater ist damals um die ganze Welt gereist und hat überall neue Kunden gewonnen“, erzählt Martin Picard. Auch heute noch zeigt sich dieses internationale Netzwerk in einer überraschend breiten geografischen Präsenz und bildet eine wichtige Grundlage für das Exportgeschäft sowie die weitere internationale Entwicklung des Unternehmens.

Neue Märkte, neue Kanäle

Während PICARD traditionell stark im Großhandel verwurzelt ist, gewinnt der digitale Vertrieb zunehmend an Bedeutung. Bereits heute stammen rund 25% des Umsatzes aus dem E-Commerce – mit klar steigender Tendenz. Für Martin Picard ist das ein zentraler Hebel, um die Marke weiterzuentwickeln und neue Zielgruppen zu erreichen. „Heute wird online entschieden, wie eine Marke wahrgenommen wird“, sagt Martin Picard. „Deshalb investieren wir gezielt in digitale Markenführung, Social Media und den konsequenten Ausbau des Onlinegeschäfts.“ Ein wichtiger Fokus liege dabei auf der Ansprache der jungen Generation. „Wenn man keine jüngeren Zielgruppen gewinnt, stirbt die bestehende Zielgruppe irgendwann weg“, erklärt Martin Picard. Gleichzeitig verändert sich auch die Struktur des Handels: Viele kleinere Fachgeschäfte kämpfen mit Nachfolgeproblemen oder wirtschaftlichen Herausforderungen. Umso wichtiger sei es, die Marke über mehrere Vertriebskanäle hinweg sichtbar und attraktiv zu positionieren. Eine Rolle spielen dabei weiterhin auch klassische B2B-Plattformen wie Branchenmessen. Veranstaltungen wie die internationale Lederwarenmesse ILM in Offenbach oder die PSI in Düsseldorf dienen PICARD nicht nur als Orderplattform, sondern auch als wichtige Treffpunkte, um bestehende Handelspartner zu pflegen und neue Geschäftskontakte zu knüpfen. Für die kommenden Jahre sieht Martin Picard das Unternehmen gut aufgestellt. „Unsere Aufgabe ist es, die Marke in die Zukunft zu führen, ohne unsere Herkunft zu verlieren“, betont Martin Picard. Die Verbindung aus langjähriger Erfahrung, eigener Fertigungskompetenz und einer konsequent digitalen Markenstrategie ebnet dabei den Weg in die nächste Generation.

PICARD Lederwaren GmbH & Co. KG
Friedensstraße 22
63179 Obertshausen
Deutschland
+49 6104 7040
info(at)picard-fashion.com
www.picard-fashion.com

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