Automatisierung auf dem Acker

Interview mit Robert Fraune, Geschäftsleitung der Müller-Elektronik GmbH

„Die Industrie 4.0 hat in der Landwirtschaft schon vor 20 Jahren Einzug gehalten“, sagt Robert Fraune. „Seit 25 Jahren sind wir auf dem Weg zum autonomen Fahren und Müller-Elektronik hat daran großen Anteil.“

Der Geschäftsleiter der Müller-Elektronik GmbH weiß, wovon er spricht, hat er doch das Handwerk von der Pike auf gelernt. Mit 14 Jahren lernte er den Unternehmensgründer kennen, mit 16 nahm er seinen ersten Ferienjob an, absolvierte eine Ausbildung im Unternehmen – und blieb da. Seitdem hat Robert Fraune verschiedenste Positionen besetzt, übernahm mit 25 Jahren erstmals Personalverantwortung, besuchte oft die Kundschaft im In- und Ausland und ist seit Anfang 2023 Geschäftsleiter der Standorte in Salzkotten und Neustadt in Sachsen, nachdem die Altgesellschafter nach und nach ausgeschieden waren.

So wie er halten viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dem Unternehmen seit vielen Jahren die Treue. Auszubildende bleiben in der Regel und haben heute nicht selten Leitungspositionen inne.

Vom Hektarzähler bis zum Automatisierungspionier

Gegründet wurde Müller-Elektronik Ende der 1970er-Jahre. „Gründer Heinrich Müller kam aus dem landwirtschaftlichen Kontext, absolvierte eine Elektronikerausbildung und suchte nach neuen Herausforderungen“, erklärt Robert Fraune. „Er wollte seine Kompetenzen aus dem landwirtschaftlichen Bereich mit denen aus der Elektronik sinnvoll verbinden und entwickelte die erste Produktidee – den zum Hektarzählen umgebauten Taschenrechner, der im Laufe der Zeit kontinuierlich weiterentwickelt wurde und den Grundstein für eine klassische Erfolgsgeschichte legte. Herr Müller bezog zunächst den Keller, dann die Garage, bevor aus Platzgründen erste Räume angemietet wurden.“

Bei den Produkten handelte es sich um fest installierte Flächenmessgeräte für landwirtschaftliche Lohnunternehmen – eine Marktlücke. Müller nahm erste Kontakte zu anderen mittelständischen Unternehmen aus Ostwestfalen auf, darunter zum Landmaschinenhersteller Claas als erstem großen Kunden, der Entwicklungsaufträge an das Unternehmen vergab. Heute bietet Müller-Elektronik „alles, was es an Automatisierung auf dem Acker gibt“, wie Robert Fraune das Portfolio zusammenfasst. „Wir liefern mit unseren Geräten Daten, mit denen landwirtschaftliche Betriebe agrarökonomische Entscheidungen treffen können. Dank GPS-Technologie fährt der Traktor mittlerweile automatisch über die Felder, Prozesse sind abhängig von GPS-Positionen, von Boden- und anderen Daten. Mit unseren Produkten ist immer die Frage verbunden, wie man effizienter Mittel ausbringen kann, wie man landwirtschaftliche Flächen durch die Vernetzung von intelligenter Landtechnik und moderner Datentechnologie zielgerichtet bewirtschaften kann. Das beginnt bei der Aussaat, geht über die Düngung hin zum Pflanzenschutz. Statt des Gießkannenprinzips gilt hier die Devise ‚Nur das, was nötig ist‘. “

Normen als Booster

Mit den OEM-Lösungen hat sich Müller-Elektronik als Pionier in der Branche positioniert. Das Unternehmen hat zwei Standorte – in Westfalen und Sachsen – knapp 460 Arbeitskräfte und genießt den Ruf des Vorreiters in der Agrarelektronik. Seit 2017 ist es Teil des Geschäftsbereichs Agriculture des amerikanischen Trimble-Konzerns, eines Spezialisten für GPS-Technologie, und zeigt mit Niederlassungen international Präsenz. Müller-Elektronik versteht sich als OEM-Zulieferer, während Trimble Handel und Endkundschaft bedient.

„Unsere Produkte sind das Ergebnis konkreter Kundenanforderungen, aber auch eigener Ideen“, betont Robert Fraune. „Der enge Kundenkontakt ist wichtig, um die Bedürfnisse genau zu kennen; mit den meisten arbeiten wir seit 30, 40 Jahren zusammen.“

Doch die enge Zusammenarbeit mit der Kundschaft ist nur ein Grund für den anhaltenden Erfolg. „Ende der 1990er-Jahre wurden die Schnittstellen standardisiert, ein Meilenstein für die Branche“, unterstreicht Robert Fraune. „Die genormten Schnittstellen zwischen Traktor und Gerät, der genormte Datenfluss war die treibende Kraft, ein echter Boost für die Entwicklung weg von der Schaltertechnologie hin zu graphischen Displays, Joysticks und mehr Funktionalität.“

Eine starke Mutter

Dass auch die Zukunft im Zeichen einer weiteren Dynamik steht, daran hat man bei Müller-Elektronik keinen Zweifel. „Der Bedarf an Automatisierungslösungen ist hoch“, so Robert Fraune. „Angesichts des Fachkräftemangels gibt es einen gewissen Druck, autonome Systeme zu entwickeln. Das Interesse, in der Landwirtschaft zu arbeiten, hat in der Vergangenheit stetig nachgelassen. Durch die automatisierten Systeme ersetzt man diese fehlenden Kräfte.“

Dass Müller-Elektronik mit den steigenden Marktanforderungen Schritt hält und Vorreiter ist, hat auch mit der Zugehörigkeit zu Trimble zu tun. Robert Fraune ist überzeugt, dass man als Familienunternehmen das komplexe Thema autonomes Fahren nicht allein hätte stemmen können. „Wir profitieren nachhaltig von der Kombination aus Expertise für das OEM-Geschäft und einem sehr großen, weltweiten Handelsnetzwerk“, sagt er. „Ein starker Vertriebskanal ist essenziell für die Wettbewerbsfähigkeit.“

Nicht allein die digitale Transformation und der Fachkräftemangel werden Investitionen in Automatisierungslösungen fördern, sondern auch der Klimawandel, der neue Anbauverfahren notwendig macht. Müller-Elektronik fühlt sich für diese Herausforderungen gut aufgestellt.

„Wir werden in Produktion und weitere Automatisierung investieren“, sagt Robert Fraune. „Die Lieferkettenproblematik hat deutlich gemacht, dass bestimmte Dinge lokal gemacht werden müssen. Auch wenn davon auszugehen ist, dass die Wirtschaft in den nächsten ein, zwei Jahren einen Dämpfer erhalten wird, blicken wir sehr positiv nach vorn und sehen ein stetiges Wachstum.“

Präziser, nachhaltiger, besser

Die Zukunft wird bei Müller-Elektronik auch im Zeichen der Nachhaltigkeit stehen. Unlängst wurde ein französisches Unternehmen aus dem Bereich Kameratechnologie von Trimble akquiriert. Bei der Technologie steht die gezielte Behandlung von Unkräutern im Fokus, mit dem Ziel, weniger Pflanzenschutzmittel ausbringen zu müssen.

„Nachhaltigkeit spielt produktseitig, aber auch im Unternehmen selbst eine große Rolle“, sagt Robert Fraune. „Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage installiert, zudem bieten wir unserem Personal die Möglichkeit, E-Autos bei uns zu tanken, in der Logistik arbeiten wir mit Behältersystemen, die über Speditionen ausgetauscht werden, wodurch unnötige Verpackungen wegfallen. Kleine Schritte mit Wirkung.“

An der nachhaltigen Gestaltung des Unternehmens müssen alle im Unternehmen mitwirken. „Die digitale Transformation ist eine Herausforderung für unser Personal“, so Robert Fraune. „Zu einem amerikanischen Konzern zu gehören, heißt auch, zusammenzuwachsen. Hier treffen verschiedene Kulturen aufeinander. Interkulturelle Trainings sollen helfen, gegenseitiges Verständnis zu generieren. Auch daran werden wir künftig arbeiten.“

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