Wie man ein Geschäftsmodell aus der Krise baut

Interview mit Mike Bertsch, Geschäftsführer der The Cue Group GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Bertsch, wie ist die The Cue Group entstanden – und gab es so etwas wie eine zündende Idee?

Mike Bertsch: Die Initialzündung kam tatsächlich während der Coronapandemie. Ich habe mich gefragt, ob unsere Branche – der Verleih von Veranstaltungstechnik – überhaupt noch eine Zukunft hat. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, auf der Basis meiner fast 30-jährigen Erfahrung als selbstständiger Unternehmer andere Unternehmen im Hinblick auf Prozessoptimierung, Digitalisierung und Verbesserung ihrer Vertriebsstrukturen zu beraten – also ein Coaching-Ansatz. Als wir dann mit rund 120 Unternehmen gesprochen hatten, wurde klar, wo die Pain Points liegen – und da­raus ist die Idee gereift, ein Franchisesystem für Event­experten aufzubauen.

Wirtschaftsforum: Ein Franchisesystem für Eventexperten klingt ungewöhnlich. Was ist das Pro­blem, das Sie lösen wollen?

Mike Bertsch: Ein zentrales Thema ist gleichbleibende Qualität. Unternehmen fragen sich: Wenn ich heute in Barcelona, morgen in München und übermorgen in Stockholm ein Event habe – wer garantiert mir überall denselben Standard bei Technik, Agenturleistungen, Messebau oder Catering? Die Branche ist sehr zersplittert, jeder kocht sein eigenes Süppchen. Wir setzen auf Zertifizierung, Ausbildung und standardisierte Prozesse, damit der Kunde bei unserem Brand weiß: Das steht für verlässliche Qualität.

Wirtschaftsforum: Qualität ist das eine – aber die Umsetzung erfordert Prozesse, Software, Logistik. Wo stehen Sie heute?

Mike Bertsch: Die Grundlagen stehen: Prozesse, Tools, Software. Parallel entwickeln wir weitere Bausteine, zum Beispiel eine interne Ausschreibungsplattform. Damit kann ein Partner Aufträge innerhalb des Netzwerks abgeben – etwa, wenn ein Kunde aus Frankfurt am Main eine Veranstaltung in Hamburg plant, Kapazitäten fehlen oder lokale Umsetzung sinnvoller ist.

Wirtschaftsforum: Viele Dienstleister haben Hemmungen, Aufträge weiterzugeben – aus Sorge, den Kunden zu verlieren. Wie lösen Sie das?

Mike Bertsch: Genau das ist ein Kernproblem der Branche: Wem vertraue ich, ohne dass der Kunde später abgeworben wird? In unserem System ist Kundenschutz vertraglich geregelt. Das schafft Sicherheit – und macht Kooperation überhaupt erst skalierbar.

Wirtschaftsforum: Sie sprechen nicht nur Gründer an, sondern auch etablierte Unternehmen. Welche Zielgruppen sind das konkret?

Mike Bertsch: Wir haben zwei Stränge. Erstens Neugründer: Wir nehmen sie an die Hand und machen sie ‘unternehmer-ready’. Normalerweise dauert es fünf bis sieben Jahre, bis jemand als Gründer wirklich Unternehmer wird – mit Netzwerk, Beratern, Struktur. Bei uns kann das deutlich schneller gehen, eher in zwei bis drei Jahren, weil das System vieles abkürzt. Zweitens die Unternehmensnachfolge – ein Riesenthema in Deutschland.

Wirtschaftsforum: Nachfolge wird oft rein finanziell betrachtet. Sie gehen offenbar anders vor.

Mike Bertsch: Wir lösen uns bewusst vom reinen M&A-Denken „Zahlen auf den Tisch, Käufer suchen“. Viele Inhaber sind im Tagesgeschäft gefangen und unterschätzen die Komplexität. Wir begleiten Altgesellschafter über einen längeren Zeitraum, machen Unternehmen zukunftsfähig – mit modernen Prozessen, Digitalisierung, klarer Organisation. Parallel schauen wir: Gibt es interne Nachfolger, die aufgebaut werden können? Häufig fehlt Mitarbeitenden der Einblick in Führung und Finanzen. Und wenn intern niemand passt, suchen wir extern.

Wirtschaftsforum: Sie beziehen sogar den ‘psychologischen Aspekt’ mit ein. Warum?

Mike Bertsch: Wer sein Unternehmen über Jahrzehnte aufgebaut hat, muss irgendwann loslassen – das ist emotional. Viele fallen nach der Übergabe in ein Loch. Wir wollen Perspektiven eröffnen, zum Beispiel über eine Akademie: Erfahrene Unternehmer können Wissen weitergeben. Ich habe selbst früh gegründet und war dankbar für Mentoren, die 50 plus waren. Diese Erfahrung ist Gold wert – und sollte nicht verloren gehen.

Wirtschaftsforum: Wie verdient die Gruppe Geld – und was ist der konkrete Nutzen für Partner?

Mike Bertsch: Klassisch über Franchise-Gebühren. Dafür gibt es Know-how, Ausbildung, Workshops, 1-zu-1-Coaching und Unterstützung in Marketing und Sales. Ein großer Hebel sind außerdem Einkaufsvorteile: Rahmenverträge etwa für Mobilfunk, Versicherungen oder Leasing können für kleinere Betriebe enorme Unterschiede machen. Gleichzeitig ist unser Anspruch nicht, dass jemand ‘nur’ ausführt – ein Unternehmer soll alle Bereiche verstehen, aber eben ohne den permanenten Start-up-Stress.

Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihre Vision aus – in Zahlen und darüber hinaus?

Mike Bertsch: Wir denken in zehn Jahren und möchten 800 Franchise-Partner in Europa aufbauen. Wir haben international einen guten Ruf – und wollen ‘Made in Germany’-Know-how exportieren. Umsatz ist nicht das Einzige, aber um eine Größenordnung zu geben: Der Eventmarkt in Deutschland ist groß, und wenn wir als Gruppe irgendwann die Milliarde knacken, wäre das ein echtes Brett – und trotzdem nur ein kleiner Marktanteil.

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