„Mehr Selbstwirksamkeit täte der Industrie gut!“
Interview mit Martin Kugelmann, Geschäftsführer der Spherea GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Kugelmann, Spherea will durch innovative Testlösungen für weniger Unsicherheit sorgen. Womit beschäftigt sich Ihr Standort in Ulm hauptsächlich? Martin Kugelmann: Unser Fokus liegt traditionell auf dem militärischen Luftfahrtbereich, wo wir Prüflösungen für komplexe Elektroniksysteme entwickeln, mit denen unsere Kunden im Produktions- und Wartungskontext sicherstellen können, dass ihr Equipment auch einwandfrei funktioniert. Seit einiger Zeit unterstützen wir mit unseren gewachsenen Kompetenzen auch die Bahnindustrie, wo ebenfalls hochkomplexe sicherheitsrelevante Systeme verlässlich geprüft werden müssen –
eine Diversifikation, die sich für uns geradezu anbot. Schließlich hatten wir im streng regulierten sicherheitskritischen Luftfahrtsegment bereits unter Beweis gestellt, dass wir die entsprechenden Aufgaben einwandfrei ausführen und uns zudem in dem hochkomplexen System aus weltumspannenden Herstellernetzwerken und staatlichen Betreibern problemlos bewegen können.
Wirtschaftsforum: Die Aussetzung der Schuldenbremse für Rüstung und Infrastruktur verspricht vielen Unternehmen in Ihren Marktsegmenten gerade weiteres Wachstumspotenzial – gilt das auch für Spherea?
Martin Kugelmann: Die Beschaffungsorganisation hat sich mit den zusätzlichen Mitteln bisher nicht maßgeblich verändert. Nun müssen aber auf einmal sehr viele Aufträge platziert werden, um die Wehrfähigkeit vor dem Hintergrund der aktuellen Sicherheitslage möglichst schnell zu erhöhen. Deshalb werden verstärkt Großaufträge an Konzerne vergeben, sodass das Marktumfeld für mittelständische Unternehmen wie Spherea eher schwieriger geworden ist, auch wenn diese Beobachtung zunächst paradox erscheinen mag. Für unser Unternehmen bedeutet das, dass wir unseren technischen Mehrwert noch konsequenter unterstreichen und den Kunden beständig vermitteln wollen, dass wir ihre Probleme umfassend verstehen und in der Lage sind, für sie eine verlässliche technische Lösung zu finden.
Wirtschaftsforum: Wie groß ist der Mindset-Wandel, den wir dazu gesamtgesellschaftlich benötigen?
Martin Kugelmann: Natürlich müssen sich die Strukturen in der Verwaltung verändern, aber das braucht Zeit, und es wäre zu kurz gegriffen, nur die Beschaffungsbehörden zu kritisieren. Mechanismen wie die parlamentarische Kontrolle werden auch in Zukunft essenziell bleiben, denn Prinzipien wie die Gewaltenteilung und das Primat des Rechtsstaates sind ja genau das, was wir im Ernstfall verteidigen würden! Das System, in dem sich die staatlichen Stellen und die Industrie bewegen, hat sich über Jahrzehnte eingespielt. Als Industrie müssen wir uns auch selbst verändern und zunächst auch unsere eigenen bisweilen etwas bürokratischen Prozesse hinterfragen. Ich denke da manchmal an das berühmte Zitat von John F. Kennedy: Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst. Wir sind doch nicht Unternehmer geworden, weil wir Forderungen gegenüber anderen stellen wollen, sondern um selbstwirksam zu gestalten, und da können wir eine ganze Menge tun!
Wirtschaftsforum: Kürzlich haben sich Spherea und die kanadische Averna-Gruppe zusammengeschlossen. Welche Impulse sollen sich daraus ergeben?
Martin Kugelmann: Beide Unternehmen sind wirtschaftlich gesund und bewegen sich in chancenreichen Geschäftsfeldern, wobei wir gleichsam wechselseitig voneinander profitieren können. Averna hat zum Beispiel starke Lösungen im Bereich Medizintechnik im Portfolio, wofür es in Deutschland natürlich einen Riesenmarkt gibt. Mich begeistert, dass wir in unseren beiden Unternehmen schnell einen starken Spirit freisetzen konnten, in dessen Zuge unsere Mitarbeiter aus eigenen Stücken und in beeindruckender Geschwindigkeit wichtige standortübergreifende Synergien gehoben haben, indem sie direkt in einen wertschätzenden Austausch miteinander eingetreten sind.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt vor diesem Hintergrund auch die Digitalisierung für Spherea?
Martin Kugelmann: Offen gestanden bin ich nicht zufrieden, wo wir gerade stehen, auch wenn wir an dieser Stelle bereits wichtige Weichen für die Zukunft stellen – vor allem, weil sich gerade im Bereich Cybersecurity und mit der KI vieles extrem schnell verändert. Im militärischen Bereich wird die KI nicht nur essenziell werden, um im Verteidigungsfall auf Basis der gesetzlichen Grundlagen und von klaren ethischen Prinzipien mit der Bedrohungslage umzugehen, sondern auch im Kontext der Prüfprozesse für Systeme, die immer mehr KI-Komponenten enthalten werden. Damit müssen sich auch die klassischen Verfahren grundlegend ändern: Hier wird Spherea natürlich eine Schlüsselrolle spielen.
















