„Wir digitalisieren nicht Prozesse – wir verändern die Patientenreise“

Interview mit Jessica Böhm, Senior Communication Lead, und Prof. Dr. Alexander Alscher, Geschäftsführer der samedi GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Prof. Dr. Alscher, nehmen Sie uns mit zu den Anfängen. Wie ist samedi entstanden?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Die Idee ist tatsächlich aus einer persönlichen Erfahrung entstanden. Meine Mitgründerin hatte einen Bandscheibenvorfall und musste mehrere Ärzte koordinieren – Orthopäden, Chirurgen, Reha. Das war organisatorisch kaum zu bewältigen. Gleichzeitig hatte ich bereits Erfahrung mit Online-Plattformen. Daraus entstand die Idee, Patienten und medizinische Leistungen besser zu vernetzen – zunächst über Terminbuchung, später als umfassende Steuerung der gesamten Patientenreise.

Wirtschaftsforum: Heute sprechen Sie von einer „digitalen Patientenreise“. Was bedeutet das konkret?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Wir begleiten den Patienten vom ersten Kontakt bis zur Nachsorge. Das beginnt bei der Terminbuchung, geht über Check-in, Formulare, interne Ressourcen-Planung und reicht bis zu Dokumenten oder Videosprechstunden. Unser Anspruch ist: Alles, was rund um einen Arztbesuch passiert, soll digital, effizient und für alle Beteiligten nachvollziehbar sein.

Wirtschaftsforum: Die Anfangszeit war vermutlich nicht einfach. Wie offen war der Markt damals?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Ehrlich gesagt: sehr skeptisch. Viele Ärzte hatten zwar Computer, aber dem Internet wurde nicht vertraut. Datenschutz war ein großes Thema. Wir mussten viel erklären und haben eigene Verschlüsselungstechnologien entwickelt. Der Durchbruch kam erst später – etwa mit großen Projekten wie Asklepios oder Vivantes und dann natürlich durch Corona. Plötzlich musste alles schnell digital funktionieren.

Wirtschaftsforum: Frau Böhm, wie vermitteln Sie heute diese komplexen Themen nach außen?

Jessica Böhm: Unser Ziel ist es, verständlich zu bleiben und nah an den Bedürfnissen unserer Kunden zu kommunizieren. Wir sprechen eine B2B-Zielgruppe an, aber letztlich geht es immer um konkrete Vorteile: Zeitersparnis, bessere Abläufe, weniger Papier. Wichtige Kommunikationskanäle sind für uns Fachmedien, Veranstaltungen, aber auch Social Media und unsere Website.

Wirtschaftsforum: Wie groß ist samedi heute?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Wir haben rund 120 Mitarbeiter und etwa 6.000 Kunden – von Arztpraxen bis zu Kliniken und Krankenkassen. Über unsere Plattform werden rund 40 Millionen Patienten verwaltet, etwa vier Millionen nutzen aktiv ein Patientenkonto.

Wirtschaftsforum: Künstliche Intelligenz ist aktuell ein großes Thema. Welche Rolle spielt sie bei Ihnen?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Eine sehr große. Wir haben aktuell fünfzehn Anwendungen, von Telefonassistenten bis hin zu Transkriptionslösungen für Arztgespräche. Wichtig ist uns dabei: KI soll unterstützen, nicht ersetzen. Sie schafft Zeit für das Wesentliche. Gleichzeitig müssen wir sie verantwortungsvoll einsetzen – mit klaren Regeln und menschlicher Kontrolle.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in der Digitalisierung?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Die größte Hürde liegt selten in der Technik selbst, sondern im Umdenken. Digitalisierung bedeutet, eingespielte Abläufe zu hinterfragen und neu zu gestalten. Für viele Organisationen ist das ein tiefgreifender Veränderungsprozess, der nur funktioniert, wenn die Menschen ihn mittragen. Das braucht Zeit – zahlt sich aber aus.

Wirtschaftsforum: Was macht den Erfolg von samedi aus?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Ganz klar: die Menschen. Wir haben ein Team, das die gleichen Werte teilt – pragmatisch, hilfsbereit, innovativ. Und wir arbeiten bewusst nicht in starren Abteilungen. Meine Mitgründerin sagt immer: „Abteilung heißt abteilen – und genau das wollen wir nicht.“

Wirtschaftsforum: Welche Vision treibt Sie an?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Wir wollen die digitale Patientenreise weiterentwickeln – mit KI, Telemedizin, neuen Versorgungsmodellen. Unser Ziel ist es, erster Ansprechpartner für Digitalisierung im Gesundheitswesen zu sein. Und ganz persönlich: Ich möchte dazu beitragen, dass Versorgung besser funktioniert. Gesundheit ist nicht alles – aber ohne Gesundheit ist alles nichts.

Wirtschaftsforum: Ein Schlusswort – was wünschen Sie sich von der Politik?

Prof. Dr. Alexander Alscher: Mehr Investitionen in IT und vor allem offene Schnittstellen. Ohne Interoperabilität bleibt vieles Stückwerk. Wenn Systeme besser zusammenarbeiten, profitieren am Ende alle – vor allem die Patienten.

samedi GmbH
Rigaer Str. 44
10247 Berlin
Deutschland
Tel.: +49 30 212307070
info(at)samedi.de
www.samedi.com

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Aktuellste news

Avatar als Service. Digitale Persönlichkeiten für reale Umgebungen

Avatar als Service. Digitale Persönlichkeiten für reale Umgebungen

Digitale Avatare entwickeln sich zunehmend von virtuellen Charakteren zu sichtbaren Ansprechpartnern in unserer realen Umgebung. Als Berater, Experten oder Gastgeber können sie Menschen direkt in Unternehmen, Geschäften oder öffentlichen Räumen…

Mitbestimmung im Wandel: Warum der Betriebsrat in der digitalen Arbeitswelt neu an Bedeutung gewinnt

Mitbestimmung im Wandel: Warum der Betriebsrat in der digitalen Arbeitswelt neu an Bedeutung gewinnt

Digitale Tools, hybride Arbeitsmodelle und neue Formen der Zusammenarbeit stellen Unternehmen vor organisatorische Herausforderungen und werfen zugleich grundlegende Fragen nach Mitbestimmung und Beteiligung auf. Während Managementstrukturen zunehmend agil werden, wächst…

Wenn der Bundespräsident kommt: Die Games-Branche ist im Maschinenraum der Wirtschaft angekommen

Wenn der Bundespräsident kommt: Die Games-Branche ist im Maschinenraum der Wirtschaft angekommen

Zum ersten Mal in 17 Ausgaben betritt mit Frank-Walter Steinmeier ein deutsches Staatsoberhaupt die gamescom. Das ist keine Geste an die Fans — es ist eine ökonomische Standortbestimmung. Was sein…

Aktuellste Interviews

Wenn Logistik zum ­Balanceakt wird

Interview mit Xaver Bosch, Geschäftsführer der Internationale Logistik Spedition Xaver Bosch GmbH

Wenn Logistik zum ­Balanceakt wird

Ob Lebensmittel, Pflanzen oder Industriegüter: Ohne verlässliche Transporte geraten Lieferketten schnell ins Stocken. Zugleich erschweren Fahrermangel und enge Zeitfenster den Alltag. Die Internationale Logistik Spedition Xaver Bosch GmbH mit Sitz…

„Unser Kerngeschäft ist Massivholz“

Interview mit Moreno Vender, Geschäftsführer der Vender Legnami s.r.l.

„Unser Kerngeschäft ist Massivholz“

Holz ist einer der ältesten Baustoffe der Welt und zugleich einer, der heute aktueller denn je ist. Wer nachhaltig bauen, bestehende Gebäude sanieren oder historische Bausubstanz erhalten möchte, kommt an…

Handwerk als strategischer Vorteil

Interview mit Matthias Fischer, Geschäftsführer der Fischer Markenschuh GmbH

Handwerk als strategischer Vorteil

Wenn Konsumsegmente unter globalem Preisdruck schwanken, zeigt ein Produkt besondere Stabilität: der Hausschuh. Während in vielen Sparten schnelle Trends dominieren oder Billigware den Markt flutet, behaupten sich Anbieter wie die…

TOP