Rückbau ist kein Abriss – das ist Handwerk, Erfahrung und Verantwortung
Interview mit Frank Schäfers, Geschäftsführer der Kraftanlagen Service GmbH
Wirtschaftsforum: Herr Schäfers, Sie sind kein klassischer Kerntechniker. Wie sind Sie in dieses Feld gekommen?
Frank Schäfers: Ich bin gelernter Luftfahrzeugtechniker und damit ein typischer Quereinsteiger. Anfang der 90er-Jahre gab es einen enormen Bedarf in der Kerntechnik – und kaum klassische Ausbildungswege. Wer technisches Verständnis hatte und bereit war zu lernen, wurde gebraucht. So bin ich hineingewachsen: erst über Strahlenschutz, später über Entsorgung und Rückbau. Vieles davon lernt man nicht aus Büchern, sondern nur vor Ort. Was mir dabei immer geholfen hat, war eine gewisse Nüchternheit. Man darf sich von dem Thema nicht einschüchtern lassen, aber auch nicht leichtfertig werden. Beides rächt sich.
Wirtschaftsforum: Was ist das Kerngeschäft Ihres Unternehmens?
Frank Schäfers: Ganz klar: Menschen. Wir stellen qualifiziertes Personal für den Rückbau kerntechnischer Anlagen. Unsere Schwerpunkte sind Strahlenschutz und Entsorgung. Ohne diese beiden Bereiche kann im Rückbau nichts passieren. Wir sorgen dafür, dass andere sicher arbeiten können – und dass Materialien am Ende korrekt bewertet, behandelt und weitergeführt werden. Das klingt sachlich, ist es auch. Aber es ist gleichzeitig ein Geschäft, das stark von Vertrauen lebt – zwischen Auftraggebern, Behörden und unseren Mitarbeitenden.
Wirtschaftsforum: Rückbau klingt für Außenstehende oft abstrakt. Was passiert da konkret?
Frank Schäfers: Man muss sich das sehr handwerklich vorstellen. Ein Kernkraftwerk wird nicht gesprengt, sondern Stück für Stück zerlegt. Händisch. Mit Sägen, Trennwerkzeugen, viel Planung und noch mehr Kontrolle. Jedes Teil wird mehrfach geprüft. Am Ende können rund 95 Prozent der Materialien wieder in den normalen Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden. Nur ein kleiner Rest ist tatsächlich radioaktiver Abfall. „Recycling“ ist dabei ein Begriff, der schnell benutzt wird. In der Realität bedeutet er viele Zwischenschritte, viele Messungen – und viel Geduld.
Wirtschaftsforum: Warum dauert dieser Prozess Jahrzehnte?
Frank Schäfers: Weil man ihn nicht einfach beschleunigen kann. Mehr Menschen helfen nur begrenzt, weil der Platz eng ist und Sicherheit immer Vorrang hat. Außerdem darf man viele gängige Verfahren gar nicht einsetzen – keine thermischen Trennverfahren, keine groben Methoden. Rückbau ist Präzisionsarbeit unter besonderen Bedingungen. Das ist manchmal frustrierend, aber unvermeidlich. Wer verspricht, das schneller zu können, unterschätzt die Aufgabe.
Wirtschaftsforum: Wie ist Ihr Unternehmen aufgestellt?
Frank Schäfers: Wir haben rund 120 Mitarbeitende, davon arbeiten die meisten direkt auf den Anlagen in ganz Deutschland. Unser Umsatz liegt aktuell bei etwa elf Millionen Euro, steigend. Nicht nur, weil der Bedarf wächst, sondern auch weil wir uns breiter aufstellen. Viele andere Firmen haben sich aus diesem Markt zurückgezogen – die Hürden sind hoch, die Verantwortung auch. Wir wachsen kontrolliert. Ich halte nichts davon, um jeden Preis größer zu werden. Irgendwann wird Organisation zum Selbstzweck – das hilft niemandem.
Wirtschaftsforum: Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Erfolgsfaktor?
Frank Schäfers: Ausbildung. Wer Verantwortung übernehmen soll, muss verstehen, was er tut. Wir investieren stark in Schulung und Arbeitssicherheit. Und wir wissen: Erfahrung lässt sich nicht digitalisieren. KI kann vieles – aber sie zerlegt kein Kraftwerk. Gerade im Strahlenschutz zählt nicht Geschwindigkeit, sondern Urteilskraft. Die entsteht nur über Praxis.
Wirtschaftsforum: Und persönlich: Was treibt Sie an?
Frank Schäfers: Vielleicht die Überzeugung, dass man Dinge zu Ende bringen muss. Rückbau ist kein politisches Schlagwort, sondern eine Aufgabe, die uns noch lange begleiten wird. Und solange ich mit meiner Erfahrung dazu beitragen kann, dass das ordentlich läuft, mache ich das auch. Mit einer gewissen Grundhärte – und ohne falsche Romantik. Wir arbeiten hier mit schweren Materialien, in komplexen Anlagen, unter hoher regulatorischer Aufmerksamkeit. Grundhärte heißt für mich: Entscheidungen treffen, auch wenn sie unbequem sind – gegenüber Auftraggebern, Mitarbeitenden oder sich selbst. Und keine falsche Romantik heißt: sich nichts vormachen. Es ist Arbeit. Sinnvolle Arbeit, verantwortungsvolle Arbeit – aber eben Arbeit. Wer sich das schönredet, verliert den Blick für Risiken.






