Digitalisierung im Handwerk: Lena Bohnenkamp-Galla über Strategie, Mensch und Mehrwert

Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit Digitalisierung im Handwerk nicht nur eingeführt, sondern auch nachhaltig wirksam umgesetzt wird?

Damit digitale Tools im Handwerk wirklich greifen, sind drei Dinge entscheidend:

  • Ein klares Zielbild: Es muss klar sein, was die Digitalisierung in Ihrem spezifischen Gewerk konkret verbessern soll. Nur wer weiß, wohin die Reise geht, kann sie auch erfolgreich antreten.
  • Die nötigen Ressourcen: Dazu gehören ausreichend Zeit, ein passendes Budget und die erforderlichen Kompetenzen. Ohne diese Grundlagen bleiben selbst die besten Ideen nur auf dem Papier.
  • Passgenaue Lösungen: Ein Schreinereibetrieb hat andere Anforderungen als ein SHK-Unternehmen. Deshalb funktioniert ein einfacher "Copy-&-Paste"-Ansatz selten. Die digitalen Werkzeuge müssen exakt auf die individuellen Bedürfnisse und Prozesse des jeweiligen Handwerks zugeschnitten sein.


Digitalisierung bedeutet oft Kulturwandel. Wie gestaltet man den, ohne die Belegschaft zu überfordern?

Statt auf Verordnungen setze ich auf Beteiligung. Wir starten mit kleinen Pilotgruppen, die neue Tools testen, Erfahrungen sammeln und so zu unseren internen Botschaftern werden. Gleichzeitig erzielen wir schnelle Erfolge, sogenannte "Quick Wins" – zum Beispiel durch eine App, die das händische Aufmaß ersetzt. Wenn Mitarbeiter direkt spüren, wie ihr Alltag leichter wird, steigt die Akzeptanz automatisch. Und ganz wichtig: Lernformate müssen kurz und praxisnah sein, sonst verlieren wir die Leute unterwegs.

Warum stoßen standardisierte Lösungen im Handwerk an ihre Grenzen – und was braucht es stattdessen?

Die Vielfalt der Gewerke ist enorm. Eine Elektriker-Software kann unmöglich alle Abläufe einer Zimmerei abbilden. Was wir brauchen, sind modulare Systeme mit offenen Schnittstellen und Dienstleister, die das Handwerk wirklich verstehen. Nur wenn sich die Software an bestehende Prozesse anpasst – und nicht umgekehrt –, entsteht ein echter Mehrwert.

Wie wirken sich Fachkräftemangel und Bürokratie auf die digitale Transformation aus – und was hilft dagegen?

Fachkräftemangel und Bürokratie fressen wertvolle Zeit und Energie. Wenn uns Fachkräfte fehlen, fehlt schlicht die Manpower für Digitalisierungsprojekte. Ähnlich bindet Bürokratie wie DSGVO und das Barrierefreiheitsgesetz Ressourcen, die wir eigentlich für Innovationen bräuchten. Um gegenzusteuern, müssen wir Prozesse automatisieren, zum Beispiel die Einsatzplanung, und unsere Mitarbeiter gezielt weiterbilden. Gleichzeitig sind Politik und Verbände gefragt: Wir brauchen von ihnen schlankere Vorgaben und mehr Förderprogramme, damit Digitalisierung kein Luxusprojekt bleibt.

Wie baut ein Handwerksbetrieb digitale Sichtbarkeit auf, ohne seine traditionellen Stärken zu verlieren?

Der Schlüssel liegt darin, online zu erzählen, was einen offline stark macht. Das bedeutet: eine suchmaschinenoptimierte Website mit echten Referenzfotos, ergänzt durch kurze, authentische Videos direkt von der Baustelle oder aus der Werkstatt. Das ist weitaus wirkungsvoller als jede Stock-Foto-Kampagne. Wichtig ist auch, klassische Kanäle nicht zu vergessen: Eine Anzeige im lokalen Sportverein oder das Sponsoring des Schützenfests ergänzen Social Media perfekt. So bleiben wir verwurzelt und gleichzeitig digital erreichbar.

Über Lena Bohnenkamp-Gallas
Lena Bohnenkamp-Gallas berufliche Wurzeln liegen in der Tourismusbranche, bevor sie ins strategische Marketing wechselte. Im Januar stieg Bohnenkamp-Galla in die Geschäftsführung der IEQ auf und betreut dort die digitale Produktentwicklung. Sie leitet unter anderem Projekte zur digitalen Transformation und steuert die strategische Ausrichtung des Unternehmens.

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