Der Kampf um die Köpfe

Fachkräftemangel

Demnach befürchtet nur ein Viertel der über 1.000 branchenübergreifend befragten deutschen Unternehmen, dass sich Rekrutierungsprobleme stark oder sogar sehr stark auf das Geschäft auswirken. Zum Vergleich: In ganz Europa sehen 38 Prozent der Firmen die wirtschaftlichen Folgen misslungener Rekrutierungsversuche, weltweit sogar 41 Prozent. Nur in Deutschland ist sich die überwältigende Mehrheit der Verantwortlichen des Problems nicht bewusst. Die Folge: In deutschen Unternehmen macht das für Human Resources verantwortliche Personal durchschnittlich nur 1,5 Prozent der Gesamtbelegschaft aus.

Eine fatale Fehlentscheidung, denn der dadurch verursachte volkswirtschaftliche Schaden ist schon heute enorm. So mussten deutsche Mittelständler aufgrund des Fachkräftemangels bereits Umsatzausfälle in Höhe von rund 33 Milliarden Euro pro Jahr beklagen, heißt es im Mittelstandsbarometer 2012 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Doch warum ist das Problem-Bewusstsein bei deutschen Führungskräften dann so unterentwickelt? Die Erklärung ist banal: Der Fachkräftemangel hat die Wirtschaft noch nicht mit voller Wucht erreicht. Laut Mittelstandsbarometer 2012 konnten die Firmen die vakanten Stellen fast immer irgendwie irgendwann noch besetzen. Noch, wohlgemerkt! Erst wenn die Auswirkungen des demografischen Wandels signifikant zu spüren sind, wird die Rekrutierung wohl einen ganz neuen Stellenwert einnehmen. Wann das sein wird, weiß natürlich keiner, doch klar ist: Dann ist es zu spät – und wer zu spät kommt, den bestrafen bekanntlich die Mitbewerber!

Andere Unternehmen, vor allem aus dem Ausland, machen es längst vor: Sie haben erkannt, dass offene Stellen schnell und zielgerichtet besetzt werden müssen, um kostspielige Vakanzzeiten zu vermeiden oder zumindest auf ein Minimum zu reduzieren. Wie das geht? Naheliegend einfach: Nicht nur die Bewerber müssen, neben anderen Soft Skills, flexibel und kompromissbereit sein sondern auch die Firmen.

So ist die Erwartungshaltung in den Personalabteilungen oft noch sehr groß: Bewerber müssen nicht nur die Kriterien der Stellenausschreibung erfüllen sondern besser noch übertreffen. Dass das mit einer immer geringeren Auswahl an potenziellen Arbeitskräften zunehmend schwieriger wird, ist nur logisch. Aspiranten, die nicht zu 100 Prozent dem Stellenprofil entsprechen aber das Talent mitbringen, sind als Rohdiamanten zu begreifen - und der nötige Schliff als lohnendes Investment in die Zukunft des Unternehmens.

Und noch ein wichtiger Punkt: Bewerber nur über Zeitungsinserate zu suchen, grenzt im digitalen Zeitalter an Höhlenmalerei. Willkommen im 21. Jahrhundert! Kaum ein Betrieb kann es sich heute noch leisten, sich nicht mit Online-Recruitment zu beschäftigen, um interessante Kandidaten auf sich aufmerksam zu machen – auch wenn diese nicht gerade um die Ecke wohnen. Laut der Untersuchung der ManPowerGroup unterschätzen nämlich viele Unternehmen die Mobilität der Bewerber. Ganze acht Prozent suchen sich ihr Personal über die Standort-Region hinaus. In Zeiten der Globalisierung gilt aber für langfristigen Erfolg: Global denken, lokal handeln – und nicht umgekehrt! Anders kann man den Kampf um die Köpfe nicht gewinnen.

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