„CO2 aus der Atmosphäre dauerhaft binden“

Interview mit Dr. Hannes Junginger-Gestrich, CEO und Mitgründer der Carbonfuture GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Junginger-Gestrich, Sie sind CEO und Mitgründer von Carbonfuture. Wie kam es zur Gründung des Unternehmens?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Ursprünglich bis ich Mathematiker und habe viele Jahre in der Finanzindustrie gearbeitet. Mein Mitgründer Hansjörg Lerchenmüller, ein Physiker aus dem Fraunhofer-Umfeld, beschäftigte sich lange mit erneuerbaren Energien. Um 2016 wurde klar: Emissionsreduktionen allein reichen nicht mehr aus – es braucht zusätzlich die Entfernung von CO2 aus der Atmosphäre. Das war der Startpunkt. Er sprach mich damals direkt an: „Wir müssen Kohlenstoff dauerhaft speichern. Dafür braucht es Finanzierungsmodelle. Du bist doch Finanzmathematiker – hilf mir, das umzusetzen.“ Daraus entwickelte sich Carbonfuture.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielte Ihre persönliche Expertise dabei?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Ich kann Finanzinstrumente modellieren. Gemeinsam mit meinem Freund und Mitgründer Matthias Ansorge, ebenfalls Mathematiker und Softwareingenieur, entwickelte ich zunächst ein theoretisches Modell. Als wir es 2019 auf Fachkonferenzen präsentierten, war das Feedback eindeutig: Dieses Puzzlestück hatte gefehlt. Uns wurde klar, dass wir damit eine ganze Branche voranbringen konnten. Aus der Idee wurde ein Start-up – heute sind wir 45 Mitarbeitende und wachsen stetig.

Wirtschaftsforum: Wie funktioniert das Geschäftsmodell von Carbonfuture?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Wir bilden die Brücke zwischen konkreten Aktivitäten zur CO2-Entfernung und dem Finanzmarkt. Das bedeutet: Wir messen, ob Kohlenstoff tatsächlich dauerhaft gespeichert wird, schließen Verträge mit den Anbietern und machen daraus ein handelbares Finanzinstrument. So entsteht Vertrauen. Institutionelle Investoren verstehen unser Modell sofort, weil es ihrer Welt ähnelt – nur dass das Asset hier eine gebundene Tonne CO2 ist.

Wirtschaftsforum: Welche Hürden mussten Sie auf dem Weg dorthin überwinden?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Die letzten fünf Jahre waren turbulent: Pandemie, Energiekrise, Zinswende. Anfangs profitierten wir vom Venture Capital-Boom. Später wurde das Finanzierungsumfeld schwieriger, aber wir haben bewusst auf Transparenz, Seriosität und Langfristigkeit gesetzt. Dieses solide Vorgehen zahlt sich aus: Heute arbeiten wir mit Partnern wie Microsoft oder Swiss Re und haben die Schweizer Börse als Investor gewonnen.

Wirtschaftsforum: Das klingt nach einem klaren Weg in die Internationalisierung. Wie sah Ihr Markteintritt aus?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Wir sind von Beginn an zweigleisig gefahren: einerseits in der DACH-Region mit einem starken Schweizer Netzwerk, andererseits in den USA. Heute zählen Tech-Konzerne und Unternehmen aus der Luftfahrtbranche zu unseren Kunden. Dabei geht es nicht nur um große Player – auch kleinere Firmen oder sogar Privatkunden können über Partnerlösungen mit uns zusammenarbeiten. Ein Beispiel: Ein Schweizer Helikopterservice bietet CO2-neutrale Flüge über unsere Plattform an.

Wirtschaftsforum: Sie sprechen häufig von Vertrauen. Was bedeutet das für Sie konkret?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Vertrauen hat zwei Ebenen: harte Fakten und Signale. Harte Fakten sind unabhängige Zertifizierungen und Audits – ähnlich wie im Finanzsektor. Die zweite Ebene sind ‘Signals of Trust’: Transparenz in den Daten, Partnerschaften mit angesehenen Institutionen und die Tatsache, dass Unternehmen wie Microsoft mit uns arbeiten. Wenn diese Akteure einsteigen, erzeugt das automatisch Glaubwürdigkeit.

Wirtschaftsforum: Welche Unternehmenskultur prägt Carbonfuture?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Wir sind ein junges Unternehmen, aber wir legen großen Wert auf Substanz. Bei uns zählt nicht das schnelle Wachstum um jeden Preis, sondern Stabilität, Nachprüfbarkeit und Verantwortung. Gleichzeitig sind wir ein internationales Team mit einem hohen Maß an Innovationsgeist. Diese Mischung aus Bodenständigkeit und Pioniergeist macht uns aus.

Wirtschaftsforum: Welche Ziele verfolgen Sie in den kommenden Jahren?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Unser Kern bleibt die Bereitstellung von Finanzmarktinfrastruktur für Carbon Removal. Wir wollen die Standards setzen, die dauerhaftes CO2-Management möglich machen. Darüber hinaus entwickeln wir Zusatzangebote wie Datenservices oder Analytics. Entscheidend ist für mich, dass wir Compliance-ready sind – also jederzeit in ein reguliertes Umfeld überführt werden können. Langfristig sehe ich Carbonfuture als Rückgrat einer neuen Asset-Klasse.

Wirtschaftsforum: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Was motiviert Sie in Ihrer Arbeit?

Dr. Hannes Junginger-Gestrich: Ich empfinde es als Privileg, etwas an die Gesellschaft zurückgeben zu können. Wir stehen mitten in einer gewaltigen Transformation. Ich möchte nicht zusehen, wie sich diese Prozesse verselbstständigen, sondern sie aktiv gestalten. 

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