„Bei Bildung kürzen ist kurzsichtig“

Interview mit Silke Stach, Geschäftsleitung der Suisselearn Media AG

Wirtschaftsforum: Frau Stach, Sie sind in doppelter Funktion tätig – als Leiterin des INGOLDVerlags und als Mitglied der Geschäftsleitung der Suisselearn Media AG. Wie ist das Unternehmen strukturiert?

Silke Stach: Die Suisselearn Media AG ist eine inhabergeführte Aktiengesellschaft. Alle Aktieninhaber haben gleichzeitig leitende Funktionen und sind Teil des Verwaltungsrats. Wir treten mit zwei Marken nach außen auf: mit ingold-biwa – das ist unser Bereich für Schulmaterialien sowie Werken und Gestalten – und dem INGOLDVerlag für Lehrmittel, für den ich verantwortlich bin.

Wirtschaftsforum: Wie positionieren Sie sich im Markt?

Silke Stach: Wir gehören zu den größten Anbietern für Schul­materialien im Bereich der Volksschule in der deutschsprachigen Schweiz, genauer gesagt vom Kindergarten bis zur neunten Klasse. Die Schulen stellen den Kindern sämtliche Materialien zur Verfügung, was bedeutet: Die Schulen brauchen Partner wie uns, die ihnen bedarfsgerechte, zuverlässige Lösungen bieten.

Wirtschaftsforum: Was zeichnet Ihr Sortiment aus?

Silke Stach: Unser Sortiment umfasst rund 10.000 Artikel – von Bleistiften über Schulbücher bis hin zu technischer Ausstattung für Natur- und Technikzimmer. Im Lehrmittelbereich entwickeln wir eigene, ergänzende Produkte, die das handlungsorientierte Lernen fördern, also nicht das klassische Deutschbuch für die ganze Schweiz, sondern spezialisierte, praxistaugliche Materialien.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt Innovation für Sie?

Silke Stach: Eine sehr große. Wir investieren kontinuierlich in eigene Lehrmittelentwicklung. Ein Beispiel ist Eneventura, ein digitales Planspiel zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. Schülerinnen und Schüler schlüpfen dabei in die Rolle eines Gemeinderats und treffen gemeinsam energiepolitische Entscheidungen. Es ist ein kooperatives Spiel, das Bildung für nachhaltige Entwicklung, Medienkompetenz und überfachliche Kompetenzen wie Kooperation auf kreative Weise verbindet.

Wirtschaftsforum: Wie setzen Sie KI in Ihren Produkten ein?

Silke Stach: Bei Herby, einem KI-gestützten Rechentraining, bearbeiten Kinder beispielsweise Aufgaben in einem klassischen Arbeitsheft, fotografieren mit dem Smartphone die Seiten und die KI korrigiert automatisch. Lehrpersonen sehen den Lernfortschritt im Dashboard und können gezielt reagieren. Wir sparen damit Zeit, erhöhen die Motivation der Kinder und verbessern die Qualität der Rückmeldung. Der Einsatz von KI ist allerdings auch nicht ohne Risiken. Derzeit bewegen wir uns im Bildungsbereich in vielen Punkten in einem rechtsfreien Raum. Es ist völlig unklar, was passiert, wenn ein Autor oder eine Autorin einen KI-generierten Text als seinen eigenen ausgibt – wem gehören dann die Rechte? Auch pädagogisch ist der Umgang mit KI eine Herausforderung. Lehrpersonen können oft oft nur schwer einschätzen, was eine Eigenleistung der Lernenden ist und was nicht. Hier sehe ich für uns als Verlag eine große Verantwortung. Wir garantieren mit unseren Lehrmitteln für geprüfte Inhalte aus verlässlichen Quellen. In einer Zeit, in der Fehlinformationen über soziale Medien, Foren oder generative KI-Tools leicht kursieren, ist das wichtiger denn je.

Wirtschaftsforum: Wie beurteilen Sie die aktuelle Bildungspolitik?

Silke Stach: Den in der Schweiz und mehr noch in Deutschland eingeschlagenen Sparkurs halte ich für katastrophal. Es ist ein grundlegender Fehler, ausgerechnet am Bildungssystem zu sparen. Ich bin selbst Kognitionswissenschaftlerin und habe zum Thema Lernen promoviert. Bildung ist für mich eine Investition in unsere gesellschaftliche Zukunft. Die sogenannten ‘21st Century Skills’ – kritisches Denken, Kreativität, Kooperation und Kommunikation  – sind essenziell. Wer hier kürzt, handelt nicht nur wirtschaftlich fahrlässig, sondern auch politisch kurzsichtig. An der Bildung zu sparen, geht immer auf Kosten der Gesellschaft. 

Wirtschaftsforum: Gibt es weitere Themen in diesem Kontext, die Ihnen persönlich am Herzen liegen?

Silke Stach: Mir geht es darum, Neugier und Freude am Lernen zu fördern. Lernen soll nicht nur Wissen vermitteln, sondern Kinder handlungsfähig machen. Das klassische trichtermäßige Abfüllen von Theorie in die Gehirne ist heute immer weniger gefragt – auch wenn es sich nicht immer vermeiden lässt. Bildung muss erlebbar und offen für andere Meinungen sein. Deshalb setzen wir auf Konzepte wie das Lehrmittel Philofit, das Kinder durch philosophische Impulse zum Diskutieren, kritischen Denken und Hinterfragen anregt.

Wirtschaftsforum: Was ist Ihr persönliches Ziel für die Zukunft des Unternehmens?

Silke Stach: Ich wünsche mir, dass wir mit unseren Produkten weiterhin einen echten Mehrwert für Schulen und Lehrpersonen schaffen. Wir wollen mit unseren handlungsorientierten, praxis­tauglichen Materialien in unserer Nische wachsen und die Herausforderungen der Zukunft – auch die digitalen – aktiv mitgestalten.

Suisselearn Media AG
ingold-biwa / INGOLDVerlag
Hintergasse 16
3360 Herzogenbuchsee
Schweiz
Tel.: +41 62 9564444
info@ingold-biwa.ch
www.ingold-biwa.ch

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Aktuellste news

Roboterwissen aufbauen. Wie Unternehmen mit Lernrobotern in KI und Robotik starten

Roboterwissen aufbauen. Wie Unternehmen mit Lernrobotern in KI und Robotik starten

Wer Robotik verstehen will, muss sie nicht gleich in der Fabrik einsetzen. Ein Lernroboter, den ein Team an einem Vormittag selbst zusammenbaut und programmiert, und ein zweiter, der in einer…

südback 2026 in Stuttgart: KI und Automatisierung im Bäckerhandwerk

südback 2026 in Stuttgart: KI und Automatisierung im Bäckerhandwerk

Vernetzte Backtechnik, intelligente Planung und neue Produktideen prägen die südback 2026 in Stuttgart. Die ersten beiden Messetage am 24. und 25. Oktober zeigen, wie unterschiedlich Unternehmen auf Personalengpässe und wirtschaftlichen…

Steuern sparen bei Kapitalanlagen: Warum Steuervorteile täuschen können

Steuern sparen bei Kapitalanlagen: Warum Steuervorteile täuschen können

Wer weniger Steuern zahlt, hat nicht zwangsläufig mehr Vermögen. Besonders bei Kapitalanlagen können steuerliche Vergünstigungen den Blick auf wirtschaftliche Risiken verstellen. Eine Beispielrechnung zeigt, wie selbst eine Steuerersparnis von 40.000…

Aktuellste Interviews

Wenn die Klingel mitdenkt

Interview mit Tim Schotte, Vertriebsleiter der Intratone GmbH

Wenn die Klingel mitdenkt

Eine Klingelanlage, die sich aus der Ferne verwalten lässt, Besucher auf das Smartphone durchstellt und zugleich den Gebäudezutritt organisiert: Mit diesem Konzept will die ­Intratone GmbH klassische Türkommunikation anders denken.…

Digital auf der Baustelle

Interview mit Erik Maul, Geschäftsführer der Wastebox Deutschland GmbH

Digital auf der Baustelle

Container bestellen, Entsorgungsprozesse dokumentieren, Kosten und Mengen im Blick behalten: Wastebox Deutschland bündelt die Abfalllogistik für Bauunternehmen auf einer digitalen Plattform. Dabei geht es längst um mehr als die reine…

Vielfalt in 3D

Interview mit Niels Stenzel, stellvertretender ­Geschäftsführer der SHINING 3D Technology GmbH

Vielfalt in 3D

International aufgestellt, technologisch breit gefächert und dennoch nah am Kunden: SHINING 3D verbindet globale Stärke mit lokaler Präsenz. Die SHINING 3D Technology GmbH mit Sitz in Stuttgart steht dabei für…

TOP