Kommunale Stärke im Glasfaserausbau – ein Modell für die Zukunft

Interview mit Simone Roth, Geschäftsführerin der Breitband Main-Kinzig GmbH und Jannik Marquart, Aufsichtsratsvorsitzender der Breitband Main-Kinzig GmbH

Wirtschaftsforum: Frau Roth, Herr Marquart, der Main-Kinzig-Kreis hat früh damit begonnen, eigene digitale Infrastruktur aufzubauen. Welche Meilensteine waren entscheidend?

Simone Roth: Die Gründung unserer kreiseigenen Breitbandgesellschaft 2012 war der wichtigste Schritt. Kein privater Anbieter war damals bereit, den größten Landkreis Hessens vollständig zu versorgen. Deshalb investierte der Kreis 42,6 Millionen EUR in ein eigenes VDSL-Netz, das mittlerweile 135.000 Haushalte erreicht und bis heute unsere Basis bildet. Insgesamt flossen bereits rund 220 Millionen EUR in den Ausbau – ein starkes Signal für gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land. Für uns gilt dabei: Der Markt hat immer Vorrang. Jede Ausbauphase beginnt mit einer Markterkundung, und nur dort, wo private Anbieter nicht aktiv werden, dürfen wir mit Fördergeldern tätig werden.

Jannik Marquart: Diese Entscheidung war echte Daseinsvorsorge. Ohne den frühen Ausbau hätten wir heute weder eine stabile Grundversorgung noch die Möglichkeit, Glasfaser flächendeckend zu realisieren. Ich kenne das Projekt seit 2021 aus dem Aufsichtsrat und seit 2024 als Aufsichtsratsvorsitzender. Was uns trägt, ist die politische Geschlossenheit über alle Ebenen hinweg – ein seltenes, aber entscheidendes Erfolgselement.

Wirtschaftsforum: Der Ausbau wurde konsequent weitergeführt. Welche Dimension hat das Projekt heute?

Simone Roth: Wir haben rund 1.600 km Glasfaser verlegt, über 250 Höfe und Weiler angebunden und bereits vor der Pandemie alle 101 Schulen erschlossen. Auch Gewerbegebiete und kommunale Einrichtungen sind vollständig am Netz. Mehr als 50.000 Kunden nutzen unsere Infrastruktur. Herausforderungen sprechen wir offen an – etwa Tiefbauer, die wir ersetzen mussten. Diese Transparenz schafft Vertrauen. Unser internes Motto lautet daher: Nicht lange reden, sondern machen.

Jannik Marquart: Dass dies wirkt, sehen wir im ländlichen Osten des Kreises, wo wir deutliche Zuzüge verzeichnen. Homeoffice, Telemedizin und moderne Arbeitsmodelle funktionieren nur mit stabilen Bandbreiten. Die digitale Infrastruktur ist zu einem entscheidenden Standortvorteil geworden.

Wirtschaftsforum: Wie gelingt ein solches Großprojekt organisatorisch – mit einem vergleichsweise kleinen Team?

Simone Roth: Unsere Struktur ist bewusst schlank. Sieben Mitarbeitende stemmen das Gesamtprojekt, unterstützt durch ein Beratungsunternehmen, das Bauüberwachung und Qualitätskontrolle übernimmt. Alle kommen aus der Region und sind eng mit dem Projekt verbunden – oft auch direkt auf der Baustelle. Diese Nähe macht uns schnell und verlässlich. Zusätzlich betreuen wir als Kreis auch weiße Mobilfunkflecken, denn private Anbieter bauen dort oft nicht. Auch das ist Teil unserer digitalen Verantwortung.

Jannik Marquart: Parallel koordinieren wir eng mit Bürgermeistern, Kreistag und Verwaltung. Bei einem Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung entstehen zwangsläufig Zielkonflikte. Durch klare Abstimmung und gemeinsame Prioritäten bleiben wir auf Kurs – das ist politisch anspruchsvoll, aber im Ergebnis sehr wirkungsvoll.

Wirtschaftsforum: Wie binden Sie die Bevölkerung ein?

Simone Roth: Durch persönliche Präsenz. Wir führen Bürgerversammlungen durch, informieren über Social Media und verteilen Informationen in jeden Haushalt. Die hohe Anschlussquote von rund 90% zeigt, wie stark das Vertrauen ist. Und sie zeigt: Die Menschen möchten eine Zukunft, in der digitale Teilhabe selbstverständlich ist.

Jannik Marquart: Die Bürger verbinden das Thema inzwischen unmittelbar mit unserem Team. Sie wissen, dass sie hier Ansprechpartner finden und keine anonymen Strukturen. Dieses Vertrauen in die kommunale Organisation trägt das Projekt.

Wirtschaftsforum: Mit dem Gigabitprojekt steht der nächste große Schritt an. Was bedeutet der Ausbau bis ins Haus?

Simone Roth: Wir erschließen rund 35.000 Gebäude und über 50.000 Haushalte mit Glasfaser bis ins Gebäude – ausschließlich dort, wo keine privaten Ausbauer aktiv sind. Fördermittel dürfen wir nicht in Koaxial- beziehungsweise Kabelnetzgebieten einsetzen, was für viele Bürger eine unfaire Lücke bedeutet. Hier wollen wir Lösungen finden. Wichtig ist zudem die Wahlfreiheit: Mit Vodafone und M-Net haben wir zwei aktive Anbieter auf dem Netz.

Jannik Marquart: Das Projekt wirkt weit über technische Fragen hinaus. Wir sichern wirtschaftliche Stabilität, gesellschaftliche Teilhabe und Zukunftsfähigkeit. Regionen, die heute nicht investieren, verlieren den Anschluss – wir hingegen bauen ihn aus.

Wirtschaftsforum: Was treibt Sie persönlich an?

Simone Roth: Ich bin im Main-Kinzig-Kreis verwurzelt. Mir ist wichtig, dass Menschen hier bleiben können, weil die digitale Zukunft vor Ort genauso funktioniert wie in urbanen Zentren. Dieses Projekt aktiv mitzugestalten, motiviert mich jeden Tag.

Jannik Marquart: Mich treibt der sichtbare Nutzen an: Zuzug, wirtschaftliche Impulse und moderne Arbeitsformen, die durch unsere Infrastruktur erst möglich werden. Für mich zeigt sich darin, welche Wirkung politische Gestaltungskraft entfalten kann, wenn alle Ebenen koordiniert handeln, um gemeinsam die Zukunft zu gestalten.

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