Ready to change

Wirtschaftsforum: Herr Krieger, seit dem ersten Oktober dieses Jahres sind Sie Vorstandsvorsitzender der Reisebank AG. Viele kennen die Bank von Bahnhöfen oder Flughäfen, wo man unkompliziert Geld für den anstehenden Urlaub tauschen kann. Die Einführung des Euros und das Onlinebanking haben längst neue Herausforderungen mit sich gebracht. Wie hat sich die Reisebank mit der Veränderung des Marktes weiterentwickelt?

Torsten Krieger: Die Reisebank ist eine traditionsreiche Einrichtung mit einer bald 100-jährigen Geschichte, für die die Versorgung mit Bargeld immer im Vordergrund stand. Gegründet wurde sie 1926 als Wechselstube aus der deutschen Bahn heraus und wurde schnell zu einer festen Größe im Reisebereich. Ein wichtiger Schritt war der Switch zur DZ Bank AG, der 2004 erfolgte und mit dem die Eingliederung in den genossenschaftlichen Sektor einherging. Seitdem ist die Reisebank AG eine 100%ige Tochter der DZ Bank AG und in die Genossenschaftliche FinanzGruppe Volksbanken Raiffeisenbanken eingebunden. Das Portfolio wurde mit den Jahren breiter; neben dem Bargeldmanagement – wir betreiben auch Bankautomaten – wurde zum Beispiel Gold in das Portfolio aufgenommen. Aktuell stehen wir vor dem nächsten großen Schritt. Wie schaffen wir es, unser sehr haptisches Geschäftsmodell entweder größer zu machen oder Teile zu digitalisieren?

Wirtschaftsforum: Steht die Reisebank damit vor einer umfassenden Transformation?

Torsten Krieger: Wir stecken mitten im Prozess, bauen das Unternehmen um, strukturieren es neu und verändern Geschäftsfelder.

Wirtschaftsforum: Wie sieht die Aufstellung der Reisebank heute aus?

Torsten Krieger: Es gibt die Zentrale in Frankfurt und einen größeren Standort in Düsseldorf, daneben 84 Filialen in ganz Deutschland, die größtenteils an Flughäfen und Hauptbahnhöfen zu finden sind und zum Teil gut und zum Teil, aufgrund eines veränderten Kundenverhaltens, weniger gut funktionieren. Natürlich kann es nach wie vor hilfreich sein, bei einer Reise etwas Bargeld in der entsprechenden Währung als Backup bei sich zu haben, allerdings holt sich der klassische Tourist bei der Einreise die Fremdwährung heute eher am Automaten, statt zu tauschen. Vor diesem Hintergrund optimieren und transferieren wir unser Filialmodell. Wir haben in München und Berlin neue Formate ausprobiert und festgestellt, dass zum Beispiel Goldshops gut funktionieren. Wir sind die einzige Bank mit einem solchen Angebot. Weil Vertrauen hier eine große Rolle spielt, können wir hier als seriöse, traditionsreiche Bank punkten.

Wirtschaftsforum: Bei der Reisebank geht es um Werte zum Anfassen, um Bargeld, Gold und Edelmetalle. Können Sie das Geschäftsmodell genauer beschreiben?

Torsten Krieger: Da wir im Genossenschaftssektor unterwegs sind, ist hier auch unser Hauptkundenklientel zu finden. In der Regel ist es so, dass Fremdwährungen in einer Volksbank oder Spardabank von uns kommen, dasselbe gilt für Gold. Hier sehen wir auch in Zukunft unseren Schwerpunkt – weg vom freien Markt hin zum genossenschaftlichen Sektor. Wir werden trotzdem weiter Filialen und einen Webshop betreiben, der sich seit Jahren sehr gut entwickelt. Im Bereich Fremdwährung sind wir mit einem robusten Marktanteil die Nummer 1 in Deutschland und sehen auch künftig gute Chancen – die Reiselust der Deutschen wächst schließlich stärker als die Nutzung der digitalen Angebote.

Wirtschaftsforum: Die Reisebank befindet sich in einem Transformationsprozess. Welche Impulse wollen Sie als Vorstandsvorsitzender dem Unternehmen auf dieser Reise geben?

Torsten Krieger: Ich bin im Rahmen einer Nachfolgestruktur zur Reisebank gekommen, mit dem Ziel, diese auf dem Weg in die Zukunft zu begleiten und den Veränderungsprozess anzutreiben. Dafür bedarf es einer gewissen Geschwindigkeit und Dynamik; diese zu entwickeln, ist eine meiner wichtigsten Aufgaben. Eine weitere Herausforderung sehe ich in der stärkeren Fokussierung auf die Kunden. Als Bank waren wir immer eher prozessorientiert; jetzt geht es stärker darum, he­rauszufinden, was Kunden wirklich brauchen und darauf zu reagieren. Produkte müssen angepasst werden. Wir haben zum Beispiel damit begonnen, die Filialmodelle komplett vom Kunden-Frontend zu denken; wir sind ja sowohl im B2C- als auch im B2B-Bereich tätig. Deshalb müssen wir sowohl auf die Bedürfnisse der Endkunden als auch der Banken eingehen. Unser Onlinegeschäft wurde unter Customer Journey-Aspekten modernisiert. Auch in den Filialen selbst möchten wir Besuche zu besonderen Erlebnissen machen. Und nicht zuletzt wird die Digitalisierung unsere Arbeit verändern. Wir haben damit begonnen, erste KI-Lösungen in Business Cases umzusetzen und werden nächstes Jahr eine komplett digitalisierte Kundenlegitimationslösung bereitstellen können; im E-Commerce-Bereich sind wir bereits sehr gut aufgestellt.

Wirtschaftsforum: Jeder Veränderungsprozess muss von den Mitarbeitern mitgetragen werden. Für welche Unternehmenskultur steht die Reisebank?

Torsten Krieger: Ich glaube, dass moderne Unternehmen nicht hierarchisch geführt werden, sondern auf die Kompetenz der Mitarbeiter setzen sollten. Es geht gleichzeitig um Motivation und Spaß; dann stimmt am Ende auch die Performance. Teil des Transformationsprozesses ist deshalb auch, Hierarchien abzubauen und eine offene Unternehmenskultur zu etablieren. Wir sind sehr divers aufgestellt, was Ausbildungen und Nationalitäten betrifft, und profitieren sehr davon. Wir haben sehr viele talentierte und kompetente Mitarbeitende, denen wir größere Freiräume zur Weiterentwicklung einräumen werden; auch das ist Teil des Kulturwandels. Wir stehen insgesamt vor großen Veränderungen und hoffen, diesen Change-Prozess 2030 abgeschlossen zu haben.

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