Ein Konto ohne Bonitätsprüfung: Warum ist das nicht längst selbstverständlich?

Warum ist finanzielle Inklusion aus Ihrer Sicht mehr als ein sozialpolitisches Thema?
Weil ein Konto heute eine Grundvoraussetzung für wirtschaftliche Teilhabe ist. Darüber erhalten Menschen ihr Gehalt, bezahlen ihre Miete, schließen Verträge ab oder kaufen online ein. Wer keinen einfachen Zugang zum Zahlungsverkehr hat, wird sozial und auch wirtschaftlich ausgebremst. Das betrifft am Ende die gesamte Volkswirtschaft: Menschen können weniger konsumieren, sparen oder unternehmerisch tätig werden. Finanzielle Inklusion ist für mich deshalb ein wichtiger Baustein wirtschaftlicher Teilhabe.
In Deutschland gibt es seit Jahren ein Recht auf ein Basiskonto. Wo sehen Sie trotzdem noch Zugangshürden?
Ein gesetzlicher Anspruch ist wichtig, aber er allein macht ein Finanzprodukt noch nicht niedrigschwellig. Kosten, komplexe Angebote, administrative Anforderungen und schwer verständliche Prozesse können weiterhin Hürden darstellen. Hinzu kommt, dass sich Menschen mit unterschiedlichen Voraussetzungen im Finanzsystem bewegen, mit unterschiedlichen Einkommen, Sprachkenntnissen, Dokumenten oder digitalen Fähigkeiten. Deshalb müssen wir stärker aus Sicht der Menschen denken. Ein Konto muss im Alltag tatsächlich zugänglich und verständlich sein.
Welche Rolle spielt dabei die Bonitätsprüfung?
Wir sollten sehr genau unterscheiden, für welches Finanzprodukt eine Bonitätsprüfung notwendig ist. Bei einem Kredit ist das selbstverständlich etwas anderes als beim Zugang zum alltäglichen Zahlungsverkehr. Bei Nickel gibt es deshalb für die Kontoeröffnung keine Bonitätsprüfung und keine Einkommensvoraussetzung. Das funktioniert, weil wir keinen Dispokredit anbieten und damit kein entsprechendes Kreditrisiko entsteht. Entscheidend ist die Identitätsprüfung. Aus meiner Sicht zeigt es, dass Zugang und Risikomanagement kein Widerspruch sein müssen, wenn das Produkt entsprechend konzipiert ist.
Wird Digitalisierung diese Zugangsprobleme nicht ohnehin lösen?
Digitalisierung kann viele Hürden senken, aber sie löst nicht automatisch das Problem der Inklusion. Eine gute App macht Banking schneller und transparenter. Gleichzeitig gibt es Menschen, die persönliche Anlaufstellen bevorzugen oder bei der Kontoeröffnung Unterstützung wünschen. Deshalb halte ich die Kombination aus digital und physisch für besonders interessant. Bei Nickel verbinden wir eine digitale Kontoverwaltung mit einem Netz lokaler Partnergeschäfte. So entsteht Zugang dort, wo Menschen ohnehin unterwegs sind, beispielsweise in Lottoannahmestellen oder Kiosken. Das Entscheidende ist Wahlfreiheit und nicht die Vorgabe eines einzigen Kanals.
Welche Bedeutung hat Vertrauen für finanzielle Inklusion?
Eine sehr große. Finanzdienstleister verwalten Gehälter, Ersparnisse und damit einen sehr persönlichen Teil des Lebens. Wer sich dabei beurteilt, ausgeschlossen oder mit komplizierten Bedingungen konfrontiert fühlt, verliert schnell Vertrauen. Zurückgewinnen lässt sich dieses Vertrauen vor allem durch Transparenz und Verständlichkeit. Menschen müssen wissen, was ein Produkt kostet, welche Leistungen sie erhalten und was auf ihrem Konto passiert. Echtzeitinformationen und klare Preise geben ihnen Kontrolle zurück. Für mich ist das ein entscheidender Teil finanzieller Selbstbestimmung.
Nickel bezeichnet sich als „Konto für alle“. Bedeutet finanzielle Inklusion vor allem Angebote für einkommensschwache Menschen?
Nein, und genau diese Gleichsetzung halte ich für problematisch. Finanzielle Inklusion bedeutet nicht, ein spezielles Finanzsystem für bestimmte gesellschaftliche Gruppen zu schaffen. Es bedeutet, Finanzdienstleistungen so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen sie nutzen können. Bei Nickel akzeptieren wir beispielsweise Ausweisdokumente aus mehr als 190 Ländern und stellen keine Anforderungen an Einkommen oder Vermögen. Gleichzeitig nutzen Menschen das Konto aus ganz unterschiedlichen Gründen, etwa wegen einfacher Kostenstrukturen, fürs Reisen, für Online-Einkäufe oder als Hauptkonto.
Das Ziel sollte deshalb nicht ein „Banking für Ausgeschlossene“ sein. Wir brauchen ein Finanzsystem, das möglichst vielen Menschen Zugang und Teilhabe ermöglicht. Wenn Finanzdienstleistungen einfacher, transparenter und zugänglicher werden, profitieren davon nicht nur einzelne Gruppen. Dann wird finanzielle Inklusion zu dem, was sie sein sollte: eine Voraussetzung für breite wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe.
Über Laurent Guivarch:
Laurent Guivarch ist CEO von Nickel Deutschland. Er kam 2020 zu Nickel und war zunächst als Commercial Director in Frankreich tätig, wo er den Aufbau und die Skalierung kommerzieller Strukturen sowie des Vertriebsstellennetzwerks verantwortete. Seit 2026 leitet er Nickel Deutschland. Guivarch verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in leitenden kommerziellen Funktionen, insbesondere in strategischer Geschäftsentwicklung, Projektmanagement und Prozessoptimierung in Multi-Channel-Umgebungen von stationärem Handel bis E-Business.





