Der Kuhflüsterer

Andererseits

Und es gibt Landwirte, die immer wieder Probleme mit ihren Kühen haben, deren Kühe einfach nicht wollen, wie und was die Landwirte wollen. Es gibt Kuhherden, in denen, wenn die Herde zusammengetrieben werden soll, einzelne Kühe immer wieder "ausbüxen", und die ganze Herde dann dieser Kuh hinterherläuft. Es gibt Kühe, die es sich im Stall bequem gemacht haben und sich einfach nicht bequemen lassen, aufzustehen, um sich melken zu lassen.

Sie merken: mit Kühen ist es wie mit Menschen, mit Kühen und Kuhherden ist es wie mit Unternehmen, deren Chefs und Mitarbeitern. Ja ja, ich ahne, was Sie jetzt denken: Sie werden empört sein, wie menschenverachtend das ist, Menschen / Mitarbeiter mit Kühen zu vergleichen. Ein Aufschrei geht durch das Land.... Hören Sie sich doch erst einmal die ganze Geschichte an.

Also: wenn der Kuhflüsterer tätig wird, hört er sich erst einmal an, welche Probleme denn die Kühe machen, wie, wann, wo sie mucken. Und dann? Dann müssen erst einmal die Landwirte lernen, müssen sich die Landwirte die Hörner abstoßen. Meistens bekommen sie das vom Kuhflüsterer zu hören: "Ihre Kühe machen keine Probleme. Sie sind völlig problemlos. Das Problem ist Ihr Umgang mit den Kühen. Die Kuh interessiert es nämlich nicht, was Sie wollen, und selbst wenn es sie interessieren würde: die Kuh kann Sie nicht verstehen, sie spricht nämlich nicht Ihre Sprache. Wenn Sie also etwas von Ihren Kühen wollen, dann müssen Sie schon die Sprache Ihrer Kühe sprechen."

Und dann gibt es einen theoretischen Teil, in dem - man höre und staune - über Begriffe wie Respekt, Vertrauen, Verständnis und Verhaltensmuster gesprochen wird, in dem es um Gefühl und Gefühle geht, in dem ein zentrales Wort das Wort "Einfühlungsvermögen" ist. Eines gibt es beim Kuhflüsterer nicht: "Du dumme Kuh" oder "die dummen Kühe".

Vielmehr macht er dem Bauern ziemlich direkt und ziemlich deutlich klar, dass es dumm ist, sich nicht auf die Verhaltensmuster, die Natur der Kühe einzulassen. Schließlich ist es der Bauer, der etwas von den Kühen will, und wer etwas haben will, der muss etwas geben, sonst ist er am Ende der Dumme. Wer verstanden werden will, der muss einfühlsam Verständnis zeigen, der muss demjenigen, von dem er etwas will, Respekt entgegenbringen, gefühlvoll sein und eine vertrauensvolle Atmosphäre schaffen.

Dumm ist - um das nochmal auf den Punkt zu bringen - nicht der, der nicht versteht, weil er nicht verstehen kann, dumm ist der, der meint, dass alle ihn verstehen müss(t)en.

Ein Beispiel: wenn der Kuhflüsterer eine Herde zusammentreiben will, dann hat er zwar ein klares Ziel, eben das Ziel, die Kühe in eine bestimmte Richtung lenken zu wollen, wenn er aber versucht, das ganz direkt zu erreichen, keine Abweichungen zuzulassen, wenn er das mit unnachgiebigem Druck und zu schnell versucht, wird er gnadenlos scheitern.

Die Kunst des Kuhflüsterers liegt darin, nur ganz kurz einen zwar spürbaren aber nicht unnachgiebigen Druck aufzubauen, einige Schritte direkt auf die Herde zuzugehen, um sie in Bewegung zu bringen, sich dann aber nach wenigen Schritten nach links oder rechts abzuwenden, damit die Kühe sich nicht bedrängt und nicht gedrängt fühlen. Dieses Zickzackmanöver wiedeholt der Kuhflüsterer immer wieder: sanften Druck aufbauen und dann wieder nachlassen, so dass jede Kuh die Möglichkeit hat, in dem ihr angemessenen Tempo in die gewünschte Richtung zu bewegen.

Auf den Punkt gebracht: das Ziel ist klar definiert, die Richtung ist auch klar, die Kühe spüren, wohin es geht, aber sie stehen nicht unter Dauerstress und andauerndem Druck. Sie haben die Möglichkeit in ihrem Tempo mitzugehen, weil der Kuhflüsterer ein Gespür dafür hat, was sie leisten können und wo ihre Grenzen liegen. In diesem Kontext bekommt das Sprichwort "Der Klügere gibt nach" einen ganz anderen Geschmack, eine ganz andere Bedeutung. Dann bedeutet "Der Klügere gibt nach" nicht mehr "Der Klügere gibt auf" sondern er übt nicht mehr Druck aus als nötig, er ist vielmehr einfühlsam, er ist zielstrebig aber nachgiebig, was das Tempo anbetrifft. Er stellt sich auf diejenigen ein, die er in eine bestimmte Richtung führen will.

Die Kunst des Führens liegt also nicht darin, unablässig und unnachgiebig Druck aufzubauen, die Kunst des Führens liegt nicht darin, verstanden werden zu wollen, sondern darin, sich verständlich zu machen und selbst diejenigen verstehen zu wollen, die geführt werden sollen. Die Kunst liegt darin, sich einzulassen auf diejenigen, die geführt werden wollen oder sollen. Ja, und das gilt für Kühe wie für Menschen. Kühe wie Menschen verdienen Respekt und Verständnis, sie verdienen es, dass man sich auf sie einstellt und einlässt, sie verdienen es, dass man ihnen und ihren Möglichkeiten gerecht wird.

Es gibt da noch ein Sprichwort, das in diesem Kontext erwähnt werden sollte: "Was du nicht willst, das man dir fügt zu, das fügt auch keinem andere zu", denn alles, was du tust, denkst oder sagst, fällt auf dich selbst zurück oder anders: "Wie man in den Wald hinein schreit, so schallt es heraus." Wer Druck macht, bekommt Druck, wer Misstrauen sät, bekommt Misstrauen, wer Vertrauen schenkt, dem wird Vertrauen geschenkt.

Und das gilt im Umgang mit Kühen und Menschen.

Ein Kommentar von Georg-W. Exler

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