Regional verwurzelt, zukunftssicher versorgt

Interview mit Karsten Kühn, Geschäftsführer der Energieversorgung Trossingen GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Kühn, Sie sind seit April 2024 Geschäftsführer der Energieversorgung Trossingen. Wofür steht das Unternehmen?

Karsten Kühn: Als kommunaler Versorger stellen wir in Trossingen die Versorgung mit Strom, Gas, Wasser und Wärme sicher. Darüber hinaus bieten wir Ladelösungen an, betreiben eine Tiefgarage und verfügen historisch bedingt über eine eigene Eisenbahn.

Wirtschaftsforum: Wie hat sich das heutige Leistungsspektrum entwickelt?

Karsten Kühn: Unsere Wurzeln liegen in der Eisenbahn – für ein Energieversorgungsunternehmen ist das eher ungewöhnlich. Trossingen ist seit jeher für seine florierende Musikinstrumentenindustrie bekannt. 1857 gründete Matthias Hohner hier sein Unternehmen, das mit Mundharmonikas und Akkordeons weltweit bekannt wurde. Die Bedeutung der Musikindustrie für die Stadt zeigt sich bis heute unter anderem im Deutschen Harmonikamuseum und in der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen. Die Instrumente aus Trossingen waren international so gefragt, dass eine rund vier Kilometer lange Bahnstrecke gebaut wurde, die den Ort mit der Hauptstrecke Rottweil–Villingen verband. Da der Transport mit einem elektrischen Zug erfolgen sollte, wurde 1897 eigens ein Elektrizitätswerk errichtet – die Geburtsstunde der Energieversorgung in Trossingen. Noch heute sind wir eng mit der Bahn verbunden, betreiben die vier Kilometer lange Strecke und besitzen den ältesten betriebsbereiten Elektrozug. Im Laufe der Jahre entwickelte sich das Unternehmen kontinuierlich weiter. Die Gas- und Wärmeversorgung rückten zunehmend in den Fokus, während verschiedene Beteiligungen hinzukamen und einzelne Geschäftsbereiche ausgegliedert wurden. 2013 wurden die zwischenzeitlich veräußerten Anteile an der Energieversorgung Trossingen zurückgekauft. Seitdem befindet sich das Unternehmen wieder vollständig in kommunaler Hand. Ziel war es, aus Trossingen heraus und für Trossingen so aufgestellt zu sein, wie es den Bedürfnissen der Stadt und ihrer Bevölkerung entspricht – ohne externe Partner.

Wirtschaftsforum: Wie ist das Unternehmen heute aufgestellt?

Karsten Kühn: Wir gehören zur kommunalen Unternehmensgruppe der Stadt Trossingen und beschäftigen an unserem modernen Firmensitz rund 60 Mitarbeitende.

Wirtschaftsforum: Sie kommen aus der Energiewirtschaft und bringen entsprechende Erfahrung mit. Was hat Sie an der Aufgabe in Trossingen besonders gereizt?

Karsten Kühn: Ich bin in Rottweil geboren und schätze die Nähe zu meiner Heimatstadt. Trossingen ist eine moderne Stadt mit großem Entwicklungspotenzial. Meine Aufgaben hier sind sehr stark von der unmittelbaren Versorgung der Bevölkerung geprägt – und genau das schätze ich.

Wirtschaftsforum: Die Spuren der Unternehmensgeschichte sind bis heute sichtbar. Gleichzeitig stellt sich die Energieversorgung Trossingen den Herausforderungen der Zukunft. Wo liegen derzeit die Schwerpunkte?

Karsten Kühn: Themen wie Digitalisierung, KI, Netzüberwachung und die Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit beschäftigen uns zunehmend. Der Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz und die mutmaßliche Brandstiftung in einem Umspannwerk in Reutlingen haben eindrücklich gezeigt, dass kritische Infrastrukturen wachsenden Bedrohungen ausgesetzt sind. Diese Risiken sind plötzlich sehr präsent, und wir müssen uns intensiv mit ihnen auseinandersetzen.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen erneuerbare Energien?

Karsten Kühn: Eine große. Dabei geht es uns nicht zuletzt um Regionalität. Wir wollen die Energiewende vor Ort mitgestalten und setzen deshalb auf Projekte in unserer Region. So werden wir uns beispielsweise nicht an Windparks in der Nordsee beteiligen, sondern die Entwicklung von Windkraftanlagen an unserem Standort prüfen – stets unter Berücksichtigung unserer wirtschaftlichen Möglichkeiten. Eine unserer zentralen Herausforderungen ist die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung. Mittelfristig ist deshalb geplant, die Wärmeerzeugung von Biomethan und Erdgas auf Holzhackschnitzel umzustellen. Ein entsprechendes Holzhackschnitzel-Heizwerk soll möglichst mit Holz aus dem Trossinger Stadtwald und einem begrenzten regionalen Einzugsgebiet betrieben werden. Berechnungen zeigen, dass sich damit mehr als 90% des benötigten Holzes abdecken ließen. Gleichzeitig bliebe die Wertschöpfung in der Region. Wir arbeiten daran, die Energiewende aktiv vor Ort gestalten zu können, ohne dafür Milliarden investieren zu müssen. Die kontinuierliche Modernisierung unserer Netze ist in diesem Zusammenhang ein wichtiger Baustein.

Wirtschaftsforum: Sie betonen den regionalen Charakter des Unternehmens. Ist das ein Grund dafür, dass viele Menschen in Trossingen ihrem Energieversorger treu bleiben?

Karsten Kühn: Unser Markt ist wettbewerbsintensiv, und aufgrund unserer Größe gehören wir nicht zu den günstigsten Anbietern. Gleichzeitig spricht vieles für uns. Wir sind der einzige Energieversorger mit einer eigenen Eisenbahn, investieren in die Wasserversorgung und unterstützen als Sponsor verschiedene Sport-, Musik- und Kulturvereine in der Region. Unsere historische Bahn ist ein echtes Schmuckstück. Regelmäßig organisieren wir Mondscheinfahrten; bei Bedarf übernehmen wir zudem Fahrten des Ringzugs. Damit sind wir weit mehr als ein reiner Energieversorger.

Wirtschaftsforum: Welche Themen werden die kommenden Jahre besonders prägen?

Karsten Kühn: Es gibt verschiedene, eng miteinander verzahnte Themen. Eine zentrale Aufgabe ist, wie bereits erwähnt, die Dekarbonisierung der Wärmeversorgung. Hinzu kommt der sinnvolle Einsatz digitaler Technologien wie intelligenter Messsysteme, sogenannter Smart Meter. Wir wollen die Digitalisierung vorantreiben, sie dabei aber ganzheitlich betrachten. Deshalb beschäftigen wir uns ebenso mit Batteriespeicherlösungen und Windkraftanlagen wie mit Daten-, Informations- und Anlagensicherheit. Entscheidend ist, dass wir bei allen Veränderungen unseren Charakter als regionaler Energieversorger bewahren.

Kontaktdaten
Energieversorgung Trossingen GmbH
Christian-Messner-Straße 2-6
78647 Trossingen
Deutschland
+49 7425 94020
info@swtro.de
​​​​​​​www.swtro.de​​​​​​​

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Aktuellste news

IBM Storage Defender 2.2.2 ist da: IBM Data Resiliency Service (DRS) mit der Recovery Assurance CleanRoom-Technologie von Predatar

IBM Storage Defender 2.2.2 ist da: IBM Data Resiliency Service (DRS) mit der Recovery Assurance CleanRoom-Technologie von Predatar

Recovery matters: Unsere Partner Predatar und IBM haben mit dem heutigen Release der Version 2.2.2 von IBM Storage Defender das zentrale Highlight gelauncht: die Integration des IBM Data Resiliency Service…

Wie Gaussian Splatting die Fabrikplanung in den realen Raum holt

Wie Gaussian Splatting die Fabrikplanung in den realen Raum holt

Ein Prototyp des Kreativstudios Dpt. verwandelt einen Bildschirm in ein Fenster: Gaussian Splatting rekonstruiert den realen Raum fotorealistisch, und Head-Tracking passt die Perspektive in Echtzeit an den Blick des Betrachters…

Top-Neuigkeiten vom 18. GSE ISP-Symposium 2026 der GSE Guide Share Europe, 28.-30.09.2026 in Leipzig

Top-Neuigkeiten vom 18. GSE ISP-Symposium 2026 der GSE Guide Share Europe, 28.-30.09.2026 in Leipzig

Good News: Vielzahl an Neuerungen für IBM Storage Protect, Stichwort: Data Protect und Data Resiliency Services! Mehr in unserer Nachlese des Symposiums online, am 20. Oktober 2026,…

Aktuellste Interviews

Vom Kinderzimmer zur Schmuckmarke

Interview mit Jamil Masoud, Geschäftsführer der DIAMOND MODE GmbH

Vom Kinderzimmer zur Schmuckmarke

Was 2017 als Familienprojekt aus dem Kinderzimmer begann, ist heute eine etablierte Schmuckmarke mit eigenem Store, Piercing-Studio und internationalem Geschäft. Die DIAMOND MODE GmbH aus Wuppertal verbindet langlebige Materialien und…

Wachstum mit Weitblick: Compliance als Chance

Interview mit Dr. Dieter Drohmann, Gründer und CEO bei der Chemservice GmbH

Wachstum mit Weitblick: Compliance als Chance

Chemikalienrecht wird international komplexer und damit für Unternehmen zunehmend zur strategischen Aufgabe. Chemservice unterstützt die chemische Industrie weltweit bei regulatorischen Anforderungen. Gründer und CEO Dr. Dieter Drohmann setzt dabei auf…

Präzision mit Tradition

Interview mit Matthias Reuss, Geschäftsführer der Modell- und Formenbau M.Reuss GmbH

Präzision mit Tradition

Wo Präzision, Erfahrung und moderne Fertigungstechnik zusammentreffen, entstehen Lösungen für anspruchsvolle industrielle Anwendungen. Die Modell- und Formenbau M.Reuss GmbH aus Schwarzach am Main verbindet traditionelles Handwerk mit digitaler Konstruktion und…

TOP