Ein Juwelier zwischen Handwerk, Haltung und Gegenwart

Interview mit Carsten Schmidt-Kippig, Geschäftsführer über die Juwelier Roller GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Schmidt-Kippig, Ihr Unternehmen feiert in diesem Jahr sein 140-jähriges Bestehen. In einer Zeit, in der Geschäftsmodelle oft so schnell verschwinden, wie sie gekommen sind – was ist das Fundament dieser enormen Ausdauer?

Carsten Schmidt-Kippig: Es ist die Fähigkeit, ununterbrochen dranzubleiben, egal wie die Umstände sind. Mein Ururgroßvater Jakob Roller hat das Unternehmen 1886 gegründet. Seitdem haben wir alles miterlebt: Kriege, Inflation, die DDR-Zeit, die Wende... Dass wir heute noch hier sind, liegt an einer tiefen Demut vor der Leistung der Generationen vor mir, aber auch am Willen, das Sortiment immer wieder neu zu denken und sind in dieser Konstellation im Osten Deutschlands ziemlich einmalig.

Wirtschaftsforum: Sie sind 2000 in die Geschäftsführung eingestiegen. War dieser Weg für Sie immer vorgezeichnet?

Carsten Schmidt-Kippig: Zu DDR-Zeiten war das alles andere als sicher. Als die Wende kam, war ich 14. In den Neunzigern habe ich dann angefangen, in der Firma mitzuhelfen – damals brauchte man jede Hand. Es gab da kein langes Überlegen, man hat einfach angepackt. Heute bin ich Geschäftsführer eines Teams von knapp 40 Mitarbeitern und stolz auf das, was wir bieten können.

Wirtschaftsforum: Chemnitz ist Ihre Heimat, aber Ihre Bekanntheit reicht weit über Sachsen hinaus. Wie schaffen Sie diesen Spagat zwischen regionaler Wurzel und nationaler Strahlkraft?

Carsten Schmidt-Kippig: Unser Hauptsitz ist in einer der schönsten Immobilien der Stadt, dem Siegertschen Haus – ein barockes Juwel, das ständig von Touristen fotografiert wird. Das passt zu uns: Ästhetik und Historie. Aber wir sind eben nicht provinziell. Ein weiteres Juwelier-Geschäft betreiben wir n der Galerie Roter Turm. Wir haben eine enorme Kompetenz bei Glashütter Uhren, ein sächsisches Weltprodukt. Die Menschen kommen aus ganz Deutschland zu uns oder nutzen unseren Onlineshop, weil sie bei uns eine Sortimentstiefe finden, die es selbst in Metropolen selten gibt.

Wirtschaftsforum: Sie betreiben seit fast 30 Jahren einen Onlineshop. Ist die Digitalisierung für einen Juwelier Fluch oder Segen?

Carsten Schmidt-Kippig: Sie ist das Handwerkszeug, die Basis. Aber ich sage Ihnen ganz deutlich: Je digitaler die Welt wird, desto wichtiger wird der persönliche Kontakt. Ein Kunde will nicht, dass eine KI ihm sagt: „Kunden, die das kauften, kauften auch jenes“. Er will den Plausch, die individuelle Empfehlung, die emotionale Intelligenz. Komplexität lässt sich am Ende nur durch echte menschliche Begegnung beherrschen.

Wirtschaftsforum: Was ist das Herzstück Ihres Sortiments?

Carsten Schmidt-Kippig: Ganz klar: Uhren aus Glashütte. Als traditionsreichster sächsischer Juwelier gehört diese Kompetenz für uns dazu – tief, ernsthaft und weit über Sachsen hinaus gefragt. Dazu kommt Schmuck, der nicht beliebig ist. Wir wollten nie Mainstream, sondern das Besondere. Bereits nach der Wende haben meine Eltern ein Sortiment aufgebaut, das bewusst Akzente setzt. Wir verfügen über eigene Goldschmiede und eigene Uhrmacher, denn hochwertiger Handel funktioniert nur mit Fachwissen und handwerklicher Tiefe.

Wirtschaftsforum: Sie mahnen oft an, dass das „Unternehmertum“ in Deutschland wieder mehr Gewicht braucht. Wo drückt der Schuh?

Carsten Schmidt-Kippig: Wir haben uns in eine Diskussion über 35-Stunden-Wochen und Work-Life-Balance verrannt, die uns das Leben schwermacht. Unternehmertum bedeutet für mich: Machen und mitreißen! Von nichts kommt nichts. Im Einzelhandel ist man sechs, oft sieben Tage die Woche gefordert. Ich möchte, dass wir das Erwirtschaften von Wohlstand nicht länger verteufeln, sondern wieder den Wert der Leistung erkennen. Ein guter Job muss Freude machen, da kommt es eben nicht nur auf die Zeit an.

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