„Autonomie wird Wettbewerbsfaktor“

Interview mit Roberto Ferrari, Geschäftsführer der TTControl S.r.l.

Wirtschaftsforum: Herr Ferrari, seit wann gibt es TTControl und wie hat sich das Unternehmen entwickelt?

Roberto Ferrari: Wir stehen kurz vor unserem 25-jährigen Jubiläum: Die Firma wurde im Januar 2001 gegründet. Ich bin Mitarbeiter Nummer 1 und habe alle Entwicklungsphasen miterlebt, von den organisatorischen und technischen Herausforderungen der Anfangsjahre über die Erweiterung mit neuen Gesellschaftern bis hin zu einer stetig komplexer werdenden Produktwelt. Seit 2012 sind wir ein Joint Venture zwischen TTTech in Wien und HYDAC in Saarbrücken, jeweils zu 50%. Mit dem Jahresumsatz bewegen wir uns aktuell in Richtung 60 Millionen EUR.

Wirtschaftsforum: Was zeichnet Ihr Portfolio aus – und wie ist Ihr Geschäft strukturiert?

Roberto Ferrari: Wir liefern Steuergeräte für hydraulische Komponenten, robuste Displays für Human-Machine-Interfaces sowie Connectivity- und High-Computing-Plattformen für anspruchsvolle Regelalgorithmen. Unser Markt sind ausschließlich professionelle Anwender in Bereichen wie Landtechnik, Bau, Logistik, Kommunaltechnik und Feuerwehr. Wir sprechen also über mobile Maschinen wie Bagger, Krane, Traktoren, Unkrauterkennungssysteme auf Feldern, Pistenfahrzeuge oder Kehr- und Müllfahrzeuge. Die Lösungen reichen von klassischen Steuerungsaufgaben bis hin zu modernen, digitalen Funktionen wie Telematik und Anbindung von Kameras, Lidars und Radars. Da wir rechtzeitig investiert haben, erfüllen alle unsere Systeme bereits kommende europäische Normen bezüglich Cybersecurity.

Wirtschaftsforum: Ihre Maschinen gelten als besonders komplex. Welche Anforderungen entstehen daraus – und wie beeinflusst das die Entwicklung intelligenter und autonomer Funktionen?

Roberto Ferrari: Viele unserer Anwendungen arbeiten mit enormen Kräften und in äußerst anspruchsvollen Umgebungen. Einige Maschinen sind echte ‘Monster’ im positiven Sinn, die große Lasten bewegen müssen, oder sie steuern sehr feine Abläufe. Diese Komplexität betrifft sowohl Hardware als auch Software. Bediener müssen immer mehr Funktionen gleichzeitig steuern, während der Fachkräftemangel auch international spürbar ist. Assistenzfunktionen entstehen deshalb direkt aus der Realität dieser Maschinen: Sie erleichtern den Alltag, erhöhen die Sicherheit und optimieren die Abläufe. Moderne Algorithmen – etwa zur KI-basierten Unkraut­erkennung oder zur Steuerung komplexer Regelkreise – leisten hier entscheidende Beiträge. Sie eröffnen den Weg zur Autonomie, denn sie bilden genau jene Grundlage, die später für selbstständig handelnde Maschinen notwendig ist. Bei Sonderfahrzeugen hat diese Entwicklung messbare Vorteile. 

Wirtschaftsforum: Wie gehen Sie selbst mit dem Fachkräftemangel um?

Roberto Ferrari: Er bleibt eine Herausforderung. Die jüngeren Generationen haben andere Erwartungen. Wir reagieren da­rauf mit Flexibilität: Es gibt keine Stempeluhr, wir bieten Zielorientierung und räumliche Freiheiten. Softwareentwickler finden bei uns konkrete Aufgaben statt abstrakter Projekte. Sie steuern reale Maschinen, entwickeln KI-basierte Anwendungen oder arbeiten an Systemen, die enorme Kräfte und Dimensionen bewegen. Das schafft Begeisterung und Motivation, langfristig im Unternehmen zu bleiben.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen für Sie Fachmessen und internationale Märkte?

Roberto Ferrari: Eine große. 2025 waren die bauma in München und die Agritechnica in Hannover besondere Meilensteine. Dazu kommen Messen in den USA, Italien oder Shanghai. Unsere Kernmärkte sind Österreich, Italien und Deutschland, ergänzt durch Frankreich und Nordeuropa. Zudem wachsen wir in Nord- und Südamerika. Und wir beliefern Japan erfolgreich – ein Markt, der hohe Qualitätsstandards voraussetzt.

Wirtschaftsforum: Welche technologischen Entwicklungen werden Ihr Geschäft zukünftig prägen?

Roberto Ferrari: Die Entwicklung geht eindeutig in Richtung komplexer Assistenzfunktionen und in weiterer Folge autonomer Abläufe. Maschinen werden zunächst Teilfunktionen eigenständig ausführen und langfristig vollständig autonom arbeiten können. Anders als im Pkw-Bereich ist der wirtschaftliche Nutzen hier klar nachvollziehbar: höhere Effizienz, bessere Auslastung der Maschinen, mehr Sicherheit für Bediener und ein schnellerer Return on Investment. Autonomie wird damit zu einem echten Wettbewerbsfaktor in der Landtechnik, im Bauwesen oder in der Logistik. Diese steigende Komplexität erfordert spezialisierte Software- und Systemkompetenz. Dafür haben wir in Brixen das Application Development Center, unser ADC. Dort arbeitet ein Team aus Spezialisten direkt mit den Kunden zusammen – nicht nur, um mehr als 100.000 ausgelieferte Produkte pro Jahr optimal einzusetzen, sondern auch, um anspruchsvolle Funktionen so zu entwickeln, dass sie beim Bediener sicher, effizient und intuitiv ankommen. Das ADC ist damit ein zentraler Baustein für den Übergang zur nächsten Generation intelligenter und zunehmend autonomer Maschinen.

TTControl S.r.l./TTControl GmbH
Julius-Durst-Straße 66
39042 Brixen
Italien
Tel.: +39 0472 268011
office@ttcontrol.com
www.ttcontrol.com

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