Unternehmen retten. Zukunft sichern.
Interview mit Martin Scheiblegger, CEO der Accursia Capital GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Scheiblegger, Sie haben 2017 die Accursia Capital GmbH gegründet, die heute in mittelständische Produktionsunternehmen verschiedener Branchen investiert. Wie kam es zur Gründung?
Martin Scheiblegger: Ich habe einen für die Finanzbranche eher ungewöhnlichen beruflichen Werdegang. Mit 15 Jahren habe ich die Hauptschule verlassen, eine Ausbildung zum Elektroinstallateur absolviert und anschließend zwölf Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Als sich mir die Möglichkeit bot, parallel ein duales Studium zu absolvieren, habe ich nicht lange gezögert. Ich studierte BWL und Jura und fand auf diesem Weg den Einstieg in die Finanzbranche. 2013 begann ich bei einem Start-up im Private Equity-Bereich zu arbeiten und war begeistert. Schnell entstand der Wunsch, mich fachlich und unternehmerisch weiterzuentwickeln und eigenständig Transaktionen durchführen zu können. So kam es 2017 zur Gründung der Accursia Capital in München.
Wirtschaftsforum: Welche Vision stand hinter der Gründung?
Martin Scheiblegger: Für uns war immer klar, dass Unternehmen in Sondersituationen keinen Finanzinvestor im klassischen Sinn brauchen, sondern einen unternehmerischen, operativ tätigen Partner. Das heißt, wir konzentrieren uns auf Distressed M&A, also Unternehmen, die in eine wirtschaftliche Schieflage geraten sind, Unternehmen, in die man operativ einsteigen muss, um eine Wertsteigerung zu realisieren. Diese Vision war der Ausgangspunkt für unser kontinuierliches Wachstum. 2020 begannen wir, ein eigenes Team aufzubauen, vor drei Jahren haben wir einen Standort in Mailand eröffnet, um unsere internationale Reichweite auszubauen.
Wirtschaftsforum: Wie lässt sich dieses Wachstum in Zahlen ausdrücken?
Martin Scheiblegger: In unserer Holding, in der wir aktuell elf Beteiligungen bündeln, sind 15 Mitarbeitende tätig, im gesamten Konzern beschäftigen wir inzwischen rund 1.800 Menschen. Allein in diesem Jahr konnten wir bereits sieben Transaktionen erfolgreich abschließen, eine achte steht kurz bevor.
Wirtschaftsforum: Wie sehen die Beteiligungsmodelle konkret aus und welche Strategie verfolgen Sie damit?
Martin Scheiblegger: Wir sind grundsätzlich 100% Shareholder der Beteiligungen und haben anders als viele andere Private Equity-Firmen keinen Exitdruck – auch wenn wir in der Vergangenheit einzelne Beteiligungen verkauft haben, um zusätzliche Finanzierungsbausteine für das restliche Portfolio zu generieren. In viele Unternehmen haben wir jedoch außergewöhnlich viel Herzblut und Engagement investiert.
Wir haben sie auf Wachstumskurs gebracht und wollen sie langfristig im Portfolio halten. Dabei setzen wir im Rahmen unseres Buy-and-Build-Ansatzes auf das Platform-Thinking. Ein Beispiel ist die Übernahme der Xtronic von der Schaeffler AG in diesem Jahr. Wir haben Strukturen angepasst und das Unternehmen stabilisiert. Mit der iinovis GmbH hatten wir bereits ein Unternehmen im selben Segment im Portfolio. Aus zwei wirtschaftlich angeschlagenen Unternehmen konnten wir so eine gemeinsame, profitable Einheit schaffen.
Wirtschaftsforum: Nach welchen Kriterien wählen Sie die Investments aus?
Martin Scheiblegger: Wir fokussieren uns europaweit auf mittelständische Industrie- und Dienstleistungsunternehmen, die aus
einer Sondersituation heraus verkauft werden – Carve-outs aus Konzernen, blockierte Gesellschaftersituationen, akute Schieflagen. Unsere Standorte München und Mailand geben uns dabei den Schwerpunkt in Deutschland und Italien, den beiden größten Industriebasen Kontinentaleuropas, aber wir sind in ganz Europa aktiv. Was die Unternehmen gemeinsam haben müssen, ist Substanz: Kunden, Know-how, eine Position im Markt. Was uns nicht abschreckt, sind rote Zahlen. Was uns abschreckt, ist ein Geschäftsmodell ohne Zukunft.
Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Accursia Capital von Wettbewerbern?
Martin Scheiblegger: Ein wesentliches Alleinstellungsmerkmal sind unsere krisenerprobten, resilienten Manager. Sie stellen sich Herausforderungen, die mit Stress und Haftungsrisiken verbunden sind, und haben den Anspruch und die Kompetenz, Unternehmen in ernsthafter Schieflage erfolgreich zu transformieren.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt künstliche Intelligenz bei diesen Transformationsprozessen?
Martin Scheiblegger: Wir legen einen immer stärkeren Fokus auf den Einsatz künstlicher Intelligenz, auch vor dem Hintergrund des zunehmenden Fachkräftemangels. Insbesondere im Finanzbereich automatisieren wir zunehmend Prozesse und sehen darin wertvolle Wertsteigerungspotenziale. Ich persönlich bin überzeugt, dass es in zwei bis drei Jahren möglich sein wird, Gesellschaften bis zu einer gewissen Größe ohne kaufmännische Leiter, ohne CFO zu steuern.
Wirtschaftsforum: Wo soll Accursia Capital in Zukunft stehen?
Martin Scheiblegger: Ziel ist es, in den kommenden drei bis fünf Jahren weiter zu wachsen und in Europa als einer der Top-3-Special-Situation-Investoren wahrgenommen zu werden. Dabei sind uns Verantwortung, Verlässlichkeit und unternehmerisches Denken genauso wichtig wie Transparenz und Ehrlichkeit in der Kommunikation; das ist die Grundvoraussetzung, um für Verkäufer, Management und Mitarbeiter ein verlässlicher Partner zu sein.













