Webcode:

Um einen Artikel aus dem Print-Magazin online zu lesen, geben Sie bitte nachfolgend den Webcode ein, der im Magazin unter dem Artikel zu finden ist.

4-Tage-Woche | Warum sie funktionieren kann

Wirtschaftsforum Experte: Sven L. Franzen

Social Share
Teilen Sie diesen Artikel

4-Tage-Woche | Warum sie funktionieren kann!

Vier Tage in der Woche arbeiten. Kann das wirklich gutgehen? Wird da nicht automatisch das eigene Unternehmen von den Wettbewerbern abgehängt? Nein, sagt Sven L. Franzen, CEO der TIGER MARKETING Group GmbH, der seit 2016 ein 35-Stunden-Modell eingeführt hat und bei dem gilt: Der Freitag ist frei... und das ist gut so.

Wirtschaftsforum: Herr Franzen, wie halten Sie es denn im Unternehmen mit dem Thema Arbeitszeit, wie lange müssen die Mitarbeiter bei Ihnen anwesend sein?

Sven L. Franzen: Prinzipiell haben wir ausgemacht, dass wir am Tag acht Stunden da sind. Was die Arbeitszeit angeht, haben wir in den letzten Jahren sehr viel ausprobiert und starten mit der Arbeit um 7:30 Uhr, was den Vorteil hat, dass man schon vor neun, halb zehn, wenn die Welt so richtig aufwacht und über Telefon und E-Mails mit einem in Aktion tritt, seine Fokus-Aufgaben des Tages erledigen kann und so eine gewisse Arbeitsruhe hat.

Wirtschaftsforum: In einem Interview von Ihnen vom letzten Jahr geben Sie eine Arbeitszeit von 35 Wochenstunden an. Ist das noch aktuell?

Sven L. Franzen: Es kommt auf den Mitarbeiter an, ob er in Teilzeit oder Vollzeit arbeitet. In der Zwischenzeit sind 32 bis 35 Wochenstunden noch aktuell, weil wir ja 2016 eine Viertagewoche eingeführt haben und dadurch quasi ein ganzer Tag entfällt. Aber es sind dann eher die 32 Stunden bei einem Achtstundentag, die sich dann auf diese vier Tage aufteilen.

Wirtschaftsforum: Auf den ersten Blick gesehen sind es ja 20% Arbeitszeit, die dadurch wegfallen. Sie haben die Viertagewoche schon 2016 eingeführt. Gab es da einen konkreten Handlungsbedarf, den Sie gesehen haben?

Sven L. Franzen: Vorher war es so, dass wir von Montag bis Freitag gearbeitet haben, wie es an sich ja üblich ist. Es war eigentlich die Neugierde im Hinblick auf die Ergebnisse einer Studie, die uns dazu gebracht hat, das auszuprobieren: dass sich Stress dadurch extrem reduzieren lässt und typische Termine wie Arzttermine oder Behördengänge dann alle auf den Freitag fallen können und damit den Alltag an den anderen Tagen nicht stören.

Man hat einfach die Möglichkeit, an den anderen Tagen vielleicht mit etwas mehr Disziplin und Effizienz den Inhalt und das, was man erarbeiten möchte, bewusst unterzubringen. Wo man sich sonst eben vielleicht nochmal einen Kaffee holt oder viel Ruhe gönnt, weiß man so: Ok, ich habe diesen einen Tag weniger, der ja aber auch ein Geschenk für mich ist. Da greift einfach die intrinsische Motivation.

Sven L. Franzen
„Man hat einfach die Möglichkeit, an den anderen Tagen vielleicht mit etwas mehr Disziplin und Effizienz den Inhalt und das, was man erarbeiten möchte, bewusst unterzubringen.“ Sven L. FranzenCEO TIGER MARKETING Group GmbH

Wirtschaftsforum: Stressreduktion für alle ist ja wirklich vorbildlich, aber inwiefern gibt es dann am Ende nicht sogar einen Produktivitätsverlust? Lässt sich das wirklich in der vorhandenen Zeit ausgleichen?

Sven L. Franzen: Meiner Erfahrung nach lässt sich das ausgleichen. Es gibt immer einmal eine Woche, in der viel zu tun ist oder auch mal ein, zwei Monate, wo es eine richtige Action-Phase gibt, es kommt auf die Kunden, die Projekte, die Inhalte der Projekte an. Dann opfert man durchaus den Freitag schon mal oder führt ihn wieder ein oder überlegt sich über einen kurzen Zeitraum eine Alternative, aber ansonsten haben wir keinerlei Produktions- oder Produktivitätsverlust, weil tatsächlich diese großartige Motivation, dieses Geschenk des einen besonderen Tages, den man einfach jede Woche zusätzlich hat, etwas Besonderes ist.

Wirtschaftsforum: Arbeitszeit und Work-Life-Balance rücken vor allem bei jüngeren Bewerbern immer höher auf der Agenda. Ist das wirklich ein Punkt, der Bewerbern konkret bekannt ist?

Sven L. Franzen: Das ist ein konkretes Angebot, auch in unseren Stellenausschreibungen, zum einen, um uns schon in diesen Portalen abzuheben, und zweitens auch von Anfang an mit einer klaren, transparenten Kommunikation ins Spiel zu gehen. Denn was ich derzeit auf keinen Fall möchte – wir haben es ja wie gesagt ausprobiert – ist, den Freitag als freien Tag wieder abzuschaffen. Das heißt, ich möchte auch niemandem eine Stelle präsentieren, die es so gar nicht gibt, weil er ja freitags frei hat, aber davon ausgeht, dass er von Montag bis Freitag arbeiten muss. Deswegen wird das gleich kommuniziert. Das ist auf der einen Seite für uns ein USP und ein Vorteil, den wir präsentieren können – darin setzen wir uns von anderen Unternehmen ab –, auf der anderen Seite machen wir das, damit es einfach klar und transparent kommuniziert ist, weil daran derzeit keine Änderungen stattfinden sollen.

„Was ich derzeit auf keinen Fall möchte – wir haben es ja wie gesagt ausprobiert – ist, den Freitag als freien Tag wieder abzuschaffen.“ Sven L. FranzenCEO TIGER MARKETING Group GmbH
Sven L. Franzen

Wirtschaftsforum: Microsoft hat aktuell eine Viertagewoche in Japan getestet; trotz nominell 20% weniger Zeit konnte die gleiche Leistung festgestellt werden. Warum aber dauert es so lange, bis diese flexibleren Modelle wirklich auch in der großen Fläche Einzug halten?

Sven L. Franzen: Das ist eine schwierige Frage, die ich so ganz einfach natürlich nicht beantworten kann. Das Ergebnis, das Microsoft in Japan erreicht hat, kann ich unterstützen und auch bestätigen, das ist bei uns genauso.

Ich gehe aber davon aus, dass das in der breiten Fläche nicht ausgerollt werden wird, und das hat mehrere Gründe. Auf der einen Seite glaube ich, dass die Gesellschaft sich an gewisse Normen einfach gewöhnt und sie dann einfach als Gesetz gelten. So etwas zu ändern ist prinzipiell dann immer ein längerer Prozess. Das benötigt auch mehrere Einflussfaktoren, unter anderem die heute jungen Leute, die neuen Generationen, die das anders sehen, und dann auch durch Fachkräftemangel, die Unternehmen vielleicht dazu zwingen, dass man irgendwann sagt: Ach, da kriege ich eine Viertagewoche, aber bei Ihnen nicht, deswegen gehe ich woanders hin. Das ist also die eine Sache. Die andere Sache ist, dass es auch Unternehmen gibt, die das gar nicht umsetzen können, also Produktionsunternehmen oder auch in der Gastronomie.

Sven L. Franzen
„Im unternehmerischen Austausch habe ich in dieser Hinsicht bisher keine Erfahrungen gesammelt, weil das Thema tatsächlich weniger und seltener angesprochen wird, als man denkt.“ Sven L. FranzenCEO TIGER MARKETING Group GmbH

Wirtschaftsforum: Nun sind Sie als Unternehmer aber auch gut vernetzt. Waren andere duch Sie ermutigt, das 4-Tage-Modell einmal auszuprobieren?

Sven L. Franzen: Im unternehmerischen Austausch habe ich in dieser Hinsicht bisher keine Erfahrungen gesammelt, weil das Thema tatsächlich weniger und seltener angesprochen wird, als man denkt, und das Ganze bisher in der Tat so ein bisschen abgetan wird, nach dem Motto, wir seien ja fauler. Wenn wir uns also teilweise bei Kollegen oder Kunden am Donnerstagnachmittag am Telefon oder nach dem Meeting verabschieden mit den Worten „Schönes Wochenende!“, dann wird das immer eher belächelt, in dem Tenor „die sind faul, die arbeiten einen Tag weniger, die haben jetzt schon Wochenende“ anstatt dass man mal fragt: „Ok, warum macht ihr das? Welchen Vorteil hat das? Wie könnte man das vielleicht auch bei uns einmal einführen?“

Das ist aber nicht die Fragestellung, sondern eher die Feststellung, da fehlt ja ein ganzer Tag. Da fehlt also immer noch ein bisschen der Transfer, das vielleicht auch einmal zu fühlen, wie wir das erlebt und gefühlt haben, dass also die Outputs und die Produktion dadurch gar nicht zusammenbrechen, sondern man hat eigentlich fast denselben Output, aber alle sind zufriedener und haben einen Tag frei. Und das passiert noch nicht.

Interview: Markus Büssecker | Fotos: Sven L. Franzen, TIGER MARKETING Group GmbH

Bewerten Sie diesen Artikel
TOP