Was KI nicht kann: Annette Goldstein von Auren Goldstein über Automatisierung und das Menschliche in der Steuerberatung

Die Gründerin und Geschäftsführerin der Berliner Kanzlei Auren Goldstein arbeitet seit mehr als 40 Jahren in Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung. Sie gehörte dem Forbes Finance Council an, und das Manager Magazin hat ihre Kanzlei mehrfach ausgezeichnet. Wer so lange dabei ist, hat schon einige Technikwellen kommen und gehen sehen. Bei KI lohnt sich deshalb eine Frage, die im Hype gern untergeht: Was kann sie eigentlich nicht?

Das Jahr, in dem KI im Steuerbüro ankam

Irgendwo zwischen dem ersten Pilotprojekt und der nächsten Lohnabrechnung ist KI 2025 in vielen Kanzleien Teil des Alltags geworden. Passend dazu hat die Gesellschaft für deutsche Sprache im Dezember „KI-Ära“ zum Wort des Jahres gekürt. Die Jury sprach von einem epochalen Wandel.

Ein Blick zurück zeigt allerdings, wie niedrig die Ausgangslage war. An der STAX-Erhebung der Bundessteuerberaterkammer haben gut 5.800 Steuerberaterinnen und Steuerberater teilgenommen. Für das Jahr 2023 ergab sich ein recht nüchternes Bild: KI-Chatbots wie ChatGPT nutzte nur eine Minderheit der Kanzleien, und Einzelkanzleien waren dabei noch zurückhaltender als größere Berufsausübungsgesellschaften. Der Markt ist also in Bewegung, aber noch lange nicht am Ziel.

Zum 1. Januar 2026 waren bei den Steuerberaterkammern bundesweit knapp 106.000 Mitglieder registriert, gut 15.000 davon sind Berufsausübungsgesellschaften. Das ist eine große Branche, und sie ist streng reguliert. Ihre Berufspflichten legen ziemlich genau fest, wie weit KI in der Praxis gehen darf.

Was die Maschine übernimmt

Im Kanzleialltag macht KI heute vor allem die Routine schneller: Belege erfassen, Buchungen vorschlagen, Steuererklärungen vorprüfen, Lohnabrechnungen vorbereiten. Wo früher jemand stundenlang Beleg für Beleg abgetippt hat, liefert die Software einen Vorschlag, und ein Mensch schaut drüber.

Das klingt nach reinem Effizienzgewinn. Genau genommen verschiebt sich aber vor allem die Aufmerksamkeit. Wer keine Belege mehr tippt, hat plötzlich Zeit übrig. Spannend ist, was mit dieser Zeit passiert. Fließt sie in Beratung, in Gespräche mit Mandanten, in die kniffligen Fälle? Oder einfach in noch mehr Mandate? Eine gemeinsame Antwort darauf hat die Branche bisher nicht gefunden.

Verantwortung lässt sich nicht delegieren

Die Bundessteuerberaterkammer zieht hier eine klare Linie. In ihren FAQ zum Einsatz von KI, aktuell mit Stand vom 27. Januar 2026, heißt es, Entscheidungen und die Verantwortung für die Ergebnisse blieben „stets in menschlicher Verantwortung“. Bevor ein Arbeitsergebnis das Haus verlässt, muss es ein Experte geprüft und freigegeben haben. Bei wichtigen Dokumenten soll das Vier-Augen-Prinzip gelten. Die Kammer greift dabei zu einem Vergleich, der es gut trifft: KI-Ergebnisse seien wie die Arbeit eines unerfahrenen Mitarbeiters zu behandeln. Auch ein neuer Kollege kann fleißig und schnell sein. Ungeprüft unterschreiben würde seine Arbeit trotzdem niemand.

Und wenn doch etwas schiefgeht? Dann steht weder das Sprachmodell gerade noch der Softwareanbieter. Die Letztverantwortung für Richtigkeit und Vollständigkeit liegt laut FAQ bei der Kanzlei beziehungsweise bei der Person, die dort arbeitet. Das ist keine bürokratische Fußnote. Es verändert, wie man mit KI arbeiten muss, nämlich eher wie mit einem Navi, dem man zuhört, ohne blind abzubiegen. Ein Autopilot ist sie nicht. Paradoxerweise entstehen dadurch neue Aufgaben, statt dass alte einfach verschwinden.

Fachkräftemangel als stiller Antreiber

Man macht es sich zu leicht, wenn man die ganze Entwicklung als Technikbegeisterung abtut. Hinter der KI-Einführung steckt in vielen Kanzleien ein sehr handfestes Problem: Es fehlen Mitarbeiter. Laut einer Sonderauswertung der STAX-Daten konnten Einzelkanzleien 2023 nur rund 40 Prozent ihrer offenen Stellen besetzen, knapp 60 Prozent blieben unbesetzt. Bei Berufsausübungsgesellschaften lag die Besetzungsquote bei gut 70 Prozent. Das ist besser, aber entspannt ist die Lage auch dort nicht.

KI liefert darauf eine sehr praktische Antwort. Es geht weniger darum, Menschen zu ersetzen, als darum, dass ein vorhandenes Team mehr schafft. Wer klug automatisiert, gewinnt Kapazität, die er auf dem Arbeitsmarkt schlicht nicht findet. Das ist ein nüchternes unternehmerisches Argument, und es gilt ganz unabhängig davon, ob man KI faszinierend findet oder eher unheimlich.

Was Berater künftig wirklich tun

Fällt die Routine weg, verschieben sich die Aufgaben. Analytisches Denken und Kommunikation werden wichtiger, klassische Sachbearbeitung verliert an Gewicht. Außerdem muss jemand die KI-Prozesse selbst überwachen und verbessern. Für jüngere Fachkräfte, die gern mit modernen Werkzeugen arbeiten, kann das den Beruf sogar attraktiver machen.

Bei Auren Goldstein, wo viele Mandate aus dem Mittelstand und aus der Berliner Start-up-Szene kommen, wird diese Verschiebung sehr konkret. Start-ups bringen oft steuerlich verzwickte Konstellationen mit, etwa Umwandlungen, Verschmelzungen, Anteilsverkäufe, Kapitalerhöhungen mit Sacheinlagen oder die Frage, wie selbst geschaffene immaterielle Vermögensgegenstände zu behandeln sind. Im Mittelstand kommen Umstrukturierungen und Nachfolgeregelungen dazu. Fälle von der Stange sind das nicht. Eine KI kann Vorschriften durchsuchen und Varianten durchrechnen, das Gesamtbild eines Unternehmens hat sie aber nicht. Das hat meistens nur, wer den Mandanten seit Jahren begleitet.

Genau darauf setzt die Kanzlei nach eigener Darstellung seit ihrer Gründung: persönliche Beratung, gute Erreichbarkeit und Termine, auf die man sich verlassen kann. Software kann dabei helfen. Mitbringen muss man diese Kenntnisse aber selbst.

Vertrauen hat keinen Algorithmus

Das Manager Magazin hat die Kanzlei, damals noch unter dem Namen Goldstein Consulting, 2024 zum fünften Mal in Folge mit „exzellent“ bewertet. In die Bewertung fließen neben Angaben der Kanzleien vor allem Urteile von Mandanten ein. Sie sagt also einiges darüber, wie die Zusammenarbeit auf der anderen Seite des Schreibtischs ankommt.

Vertrauen lässt sich nicht automatisieren. Es wächst über Jahre, durch Verlässlichkeit und durch Gespräche, in denen auch unangenehme Themen auf den Tisch kommen. Und es braucht Berater, die eine Lage wirklich verstanden haben, bevor sie etwas empfehlen. Je mehr Routine die Maschinen übernehmen, desto deutlicher tritt dieser Teil der Arbeit hervor. Skalieren oder kopieren lässt er sich nicht.

Was bleibt

Im Juli 2025 hat sich die Kanzlei der internationalen Auren-Gruppe angeschlossen, seit Anfang 2026 trägt sie den Namen Auren Goldstein. Über das Netzwerk kommen Rechtsberatung, Unternehmensberatung und Spezialwissen etwa im internationalen Steuerrecht hinzu. Für Mandanten mit grenzüberschreitenden oder rechtlich verzwickten Fragen kann das manchen Umweg ersparen. Digitale Prozesse liefern dabei die Daten. Was diese Daten für ein bestimmtes Unternehmen bedeuten, sagen sie einem nicht.

Vielleicht hilft ein Bild. KI ist so etwas wie eine sehr fleißige Assistenz, die über Nacht den Aktenberg sortiert. Das schafft Luft. Die Einschätzung am nächsten Morgen und den Mut zu einer klaren Empfehlung bringt aber weiterhin der Mensch am Schreibtisch mit.

Wer KI klug einsetzt, bekommt also vor allem eines zurück, nämlich Zeit. Zeit für das Gespräch mit dem Mandanten und für die Idee, die ihm wirklich weiterhilft. Das Formular kann die Maschine ausfüllen. Das Urteil bleibt Menschensache.

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