„Architektur braucht Wettbewerb – sonst verliert sie ihre Ideen“

Interview mit Prof. Julia B. Bolles-Wilson, Geschäftsführerin der BOLLES+WILSON GmbH & Co. KG

Architektur zwischen Weltbühne und Heimat

Die Geschichte der BOLLES+WILSON GmbH & Co. KG beginnt nicht in Deutschland, sondern in London. Dort arbeiteten Prof. Julia B. Bolles-Wilson und ihr Mann zunächst als Architekten und in der Lehre – international vernetzt und geprägt von einer experimentierfreudigen Designkultur. Der Wendepunkt kam mit einem Wettbewerb in ihrer Heimatstadt Münster. „Wir haben tatsächlich diesen Wettbewerb gewonnen und beschlossen, der Planung hinterherzuziehen – also von London nach Münster“, sagt die Geschäftsführerin.

Der Schritt erwies sich als prägend für das Büro. Während viele Architekturbüros auf internationale Dependancen setzen, blieb der kreative Kern bewusst in Münster. „Wir haben immer gesagt: Das „Gehirn“ bleibt in Münster, und wir arbeiten weltweit mit den besten Partnern zusammen“, betont Prof. Julia B. Bolles-Wilson.

Dieses Modell verbindet lokale Verankerung mit globaler Praxis. Projekte entstehen national und international – etwa in Luxemburg, Italien oder Albanien – während die konzeptionelle Arbeit im eigenen Team entwickelt wird. Die Architektur des Unternehmens ist dabei bewusst nicht auf eine wiedererkennbare Formensprache festgelegt. Stattdessen wird jedes Projekt neu gedacht.

Kleine Struktur, große Projekte

Mit rund 15 Mitarbeitern gehört die BOLLES+WILSON GmbH & Co. KG zu den kleineren Büros der Branche. Für Prof. Julia B. Bolles-Wilson ist genau das ein Vorteil. „Das ist eine gute Größe – eine kleine Mannschaft, die sehr fit ist und schnell reagieren kann“, erklärt die Architektin.

Die Struktur erlaubt es, flexibel zu arbeiten. Für jedes Projekt wird ein maßgeschneidertes Team aus Ingenieuren, Partnerbüros und Fachplanern zusammengestellt. So entstehen auch große Bauvorhaben: etwa die Nationalbibliothek in Luxemburg mit einem Bauvolumen von rund 120 Millionen EUR oder Wohn-, Verwaltungsbauten und Forschungsgebäude in Deutschland.

Neben der praktischen Architektur spielt für die Branchenexpertin der Austausch mit anderen Disziplinen eine wichtige Rolle. Sie war unter anderem Dekanin der Architekturfakultät in Münster und Präsidentin der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste. Die Begegnung mit Wissenschaftlern, Künstlern und Forschern erweitert aus ihrer Sicht den Blick auf Architektur als kulturelle Aufgabe.

Warum der Mittelstand im Wettbewerb kämpfen muss

Ein Thema beschäftigt die Münsteranerin besonders: das heutige Wettbewerbswesen in der Architektur. Wettbewerbe sind traditionell der Motor für neue Ideen – doch die Bedingungen haben sich verändert.

„Die Hürden sind heute so hoch, dass kleine und mittlere Büros oft gar nicht mehr teilnehmen können“, kritisiert die Unternehmensleiterin.

Viele Verfahren verlangen umfangreiche Referenzen, Mindestumsätze oder große Teams. Für den Mittelstand wird der Zugang dadurch zunehmend schwieriger. Gleichzeitig investiert ein Büro bis zu 25.000 EUR in einen Wettbewerbsbeitrag – ohne Garantie auf Erfolg.

Trotzdem hält Prof. Julia B. Bolles-Wilson am Prinzip fest. „Der Wettbewerb ist wichtig, weil er dafür sorgt, dass sich Architektur weiterentwickelt“, unterstreicht die Architekturprofessorin.

Für sie steht fest: Das System muss reformiert werden – aber nicht verschwinden. Denn kreative Architektur entsteht dort, wo Ideen offen konkurrieren können. Genau diese Offenheit möchte sie auch künftig verteidigen.

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