„Mr. DAX“ Dirk Müller im Interview

„Auf Sparbüchern werden viel zu hohe Beträge gehortet“

Sparer fürchten Negativzinsen wie der Teufel das Weihwasser ‒ Börsenexperte Dirk Müller alias Mr. DAX hingegen sieht das Negativzins-Experiment in Europa nicht nur negativ. Geld müsse schneller in den Umlauf, sagt er im Interview mit Wirtschaftsforum. Sorgen bereitet ihm aber die derzeitige Debatte um das Bargeld. Die Abschaffung des Bargeldes wäre eine Gefahr für Demokratie und die Rechte der Bürger, warnt er.

Dirk Müller alias Mr. DAX

Wirtschaftsforum: Kein anderes Land hat zurzeit so rekordtiefe Niedrigzinsen wie die Schweiz, deren Wirtschaft gleichzeitig im Aufwind ist. Avanciert Deutschlands Nachbar gerade zum möglicherweise für Sparer ungeliebten Vorzeigeland der Negativzinsen?

Dirk Müller: Negativzinsen haben den Effekt, dass die Menschen dann eher bereit sind, Geld auszugeben statt es zu sparen ‒ das Sparen macht also weniger Sinn. Tatsächlich fordern einige  Volkswirte bereits seit vielen Jahren ein Schwundgeldsystem, welches übermäßiges Sparen nicht honoriert, sondern im Gegenteil ‒ bestraft. Damit kommt das Geld schneller in Umlauf, insofern ist das Experiment mit den Negativzinsen bei aller berechtigten Kritik nicht nur negativ zu betrachten.

Wirtschaftsform: Was aber passiert mit denen, die viel angespart haben?

Dirk Müller: Die Sparer werden bestraft, ja, aber die Frage ist doch: Will man überhaupt, dass die Leute im großen Stil sparen? Sollte das Geld nicht besser im Umlauf sein? Bedeutet Sparen nicht, der Wirtschaft Geld, welches diese dringend braucht, vorzuenthalten, um es später vielleicht, oder auch nicht, in Umlauf zu bringen?

Die Menschen haben viel zu hohe Beträge auf Sparbüchern, Girokonten oder als Festgeld gehortet

Dirk Müller

Wirtschaftsforum: Hier treffen unterschiedliche Interessen aufeinander.

Dirk Müller: Natürlich müssen wir aufpassen. Das Interesse des Sparers, für später vorzusorgen, ist durchaus berechtigt.  Es gilt, eine Kombination zu finden: zwischen dem Anreiz, das Geld auszugeben, und der Möglichkeit, Geld für später anzulegen, um langfristig etwas davon zu haben ‒ und es  nicht immer nur zu verpulvern.

Wirtschaftsforum: Sie sind also nicht für den Niedergang der Sparkultur?

Dirk Müller: Absolut nicht. Niemand möchte von der Hand in den Mund leben, sondern sich für später eine Altersvorsorge aufbauen, oder Geld für Anschaffungen auf die Seite legen. Aber das ist eine Frage der Dimension. Nicht die Spargroschen der einfachen Bürger bis hin zu deren meist überschaubaren Altersvorsorge sind das Problem, sondern jene, die Millionen auf den Festgeldkonten liegen haben. In den vergangenen Jahrzehnten haben die Menschen viel zu hohe Beträge auf Sparbüchern, Girokonten oder als Festgeld gehortet, das sind alleine in Deutschland rund fünf Billionen Geldvermögen. Wir reden hier über eine unglaubliche hohe Summe, die der Volkswirtschaft als Investivkapital fehlt.

Wirtschaftsforum: Haben Sie weitere Kritikpunkte?

Dirk Müller: Ja, wir müssen davon wegkommen, Investitionen immer nur auf Kredit zu tätigen, sondern durch Eigenkapital. Eigenkapitalbeteiligungen sind wesentlich sinnvoller als  Fremdmittelfinanzierungen. Bisher war das System darauf ausgerichtet, Schulden zu machen und auf Kredit zu finanzieren. Vielleicht werden jetzt mehr Leute dazu genötigt, in Eigenkapitalbeteiligungen zu gehen statt Geld zu verleihen.

Wirtschaftsforum: Kommen wir zurück zu den Negativzinsen. Zwei von drei Sparern in Deutschland glauben nach einer aktuellen Umfrage von Union Investment, dass für private Geldanlagen künftig Strafzinsen bezahlt werden müssen. Zementiert das den Vertrauensverlust in das Banken- und Finanzsystem?

Dirk Müller: Der Vertrauensverlust kommt nicht daher, dass ich als Sparer wenig Zinsen bekomme oder einen leichten Negativzins bezahle. Vielmehr wird es für Banken, obwohl die Wirtschaft in Deutschland, der Schweiz und Europa insgesamt recht gut läuft, zunehmend schwieriger, Geld zu verdienen. Denn ihr bisheriges wesentliches Geschäftsmodell, nämlich am Differenzgeld zu verdienen, wurde praktisch aufgehoben. Jeder kann sich vorstellen, was passiert, wenn wieder eine wirtschaftlich schwierige Situation kommt. Dann können die Banken noch weniger verdienen und bleiben auf faulen Kredite sitzen. Daher rührt der Vertrauensverlust.

Deutschland hat ein Riesenproblem mit seinem zu dichten Bankensystem

Dirk Müller

Wirtschaftsforum: Sind Sparkassen- und Genossenschaftsbanken, die immer wieder kleine  Filialen schließen, noch zukunftsfähig?

Dirk Müller: Deutschland hat ein Riesenproblem mit seinem zu dichten Bankensystem an Volksbanken, Sparkassen- und Raiffeisenbanken, Privatbanken, die um das Bankgeschäft konkurrieren. Gleichzeitig wird durch zunehmend elektronische Prozesse immer weniger Bankdienstleistung vor Ort benötigt, ein weiteres Filialsterben ist vorprogrammiert. Banken sind ein ausgesprochen schlechtes Investment zurzeit.

Wirtschaftsforum: Welche Geldanlagen können Sie gegenwärtig guten Gewissens empfehlen?

Dirk Müller: Ich empfehle immer die Eigenkapitalbeteiligung an großen Unternehmen.

Wirtschaftsforum: An welche Unternehmen denken Sie dabei?

Dirk Müller: Apple, Pfizer, Cisco,  Nike, um nur einige zu nennen. Sie gehören zu den Unternehmen, die saubere Bilanzen haben – und auch noch in den nächsten Jahren sehr viel Geld verdienen werden. Die Bewertung der Unternehmen ist keineswegs zu hoch, wie oftmals angenommen. Meine klassischen und sehr konservative Free-Cashflow-Kalkulationen  zeigen: Die Unternehmen sind es nach wie vor  wert, darin zu investieren. Daraus ergeben sich Renditen von 8 bis 10 % pro Jahr.

Wirtschaftsforum: Sind Immobilien abseits der überteuerten Ballungszentren auch eine Anlagemöglichkeit, um Rendite aus Mieteinnahmen zu erzielen?

Dirk Müller: Das halte ich für schwierig. In den Städten haben wir, wie Sie bereits richtig sagten, viel zu hohe Preise. Wenn ich früher 13 Nettojahreskaltmieten für ein Objekt bezahlt habe, war das ein guter Preis. Heute liegen die Kaufpreise bereits bei 20 bis mitunter 30 Nettojahreskaltmieten. Das rentiert sich überhaupt nicht wegen der Risiken, die ich eingehe. Im ländlichen Raum ist es  noch dramatischer. Weil die Verstädterung immer weiter zunimmt, werden auf dem Land immer weniger Immobilien benötigt. 

Wir stehen am Anfang einer Immobilienblase

Dirk Müller

Wirtschaftsforum: Wie bewerten Sie den gegenwärtigen Run auf die Immobilien?

Dirk Müller: Wir stehen am Anfang einer Immobilienblase. Dabei orientiere mich an den Jahresnettokaltmieten. Wenn ich nicht davon ausgehen kann, dass die Mieten massiv anziehen  ‒  die wirtschaftliche Lage gibt dies zurzeit nicht her  ‒  muss ich leider sagen: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei der  Bewertung der Immobilien ist bei derzeitigem Miet- und Preisspiegel deutlich zu teuer.

Wirtschaftsforum:  Die Sorge um Renditen ist das Eine, die Gefahr, sein Geld schwinden zu sehen, das Andere. Begünstigt werden könnte der Verlust von Erspartem, wenn das Bargeld abgeschafft würde, oder?

Dirk Müller: Das wäre mit Sicherheit so. Gut, bei Negativzinsen von 0,3 % würden viele noch nicht mit der Wimper zucken, aber nehmen wir 3 % an: Dann würden jetzt viele ihr Geld vom Konto abheben und unter das Kissen legen. Gäbe es kein Bargeld mehr, könnten die Banken problemlos höhere Negativzinsen einführen. Ohne Bargeld würde es auch nicht gelingen, sich vor allen möglichen Pleiten der Banken zu retten. Durch die Bail-in Regelung werden die Konten der Sparer herhalten müssen.

Wirtschaftsforum: Wann, glauben Sie, wird das Bargeld abgeschafft?

Dirk Müller: Ich halte ein komplette Bargeldverbot für unwahrscheinlich. Die Grenzen bis zu denen man noch mit Bargeld bezahlen kann, werden aber immer weiter nach unten gehen, bis in den Taschengeldbereich hinein.

Wirtschaftsforum: Über welchen Zeitraum reden wir hier?

Dirk Müller: Ich denke, in zehn Jahren wird es soweit sein.

Die Abschaffung des Bargeldes wäre eine Gefahr für Demokratie und Rechte der Bürger

Dirk Müller

Wirtschaftsforum: Sie haben einmal vor der Abschaffung des Bargelds gewarnt.

Dirk Müller: Richtig, ich zahle zwar überwiegend elektronisch, möchte aber die Freiheit haben, bar zahlen zu können. Wenn mir die Freiheit genommen wird, beliebige Summen auch bar zu bezahlen, halte ich das gefährlich für unsere Demokratie, für die Freiheit der Bürger. Bargeld ist geprägte Freiheit, hier würde wieder ein Stück gesellschaftlicher Freiheit aufgegeben, für fragwürdige Ziele.

Wirtschaftsforum: Fragt sich, wie die Bevölkerung darüber denkt.

Dirk Müller: Für einen Großteil der Bevölkerung ist es bequem, mit Karte zu zahlen. Ein  Interessenkonglomerat zwischen Politik, Industrie und Banken ist für die Abschaffung des Bargelds, die Freiheit des Bürgers ist als Letztes gefragt. Die Politik will mehr Kontrolle über die Zahlungsströme ihrer Bürger. Schwarzarbeit unterbinden, mehr Möglichkeiten beim Bail-in-Verfahren. Für die Banken sind Negativzinsen leichter durchsetzbar und sie sparen extrem viel Geld beim Bargeld-Handling. Und die Industrie bekommt mehr Informationen über ihre gläsernen Kunden, die sie besser mit Werbung bespielen, sprich für ihre wirtschaftlichen Interessen nutzen kann.


Über „Mr. DAX“ Dirk Müller

Dirk Müller ist Finanzexperte, mehrfacher Spiegel-Bestseller Autor, Politikberater, Vortragsredner,
Gründer des Finanzinformationsdienstleisters Finanzethos GmbH mit dem Markenkern
„Cashkurs.com“. Er gilt als „Dolmetscher zwischen den Finanzmärkten und den Menschen
außerhalb der Börse“. Sein Weg an der Börse begann 1992, wo er als amtlich vereidigter
Kursmakler tätig war. Heute zählt er zu den bekanntesten Börsenexperten Deutschlands. Als
Senator der Wirtschaft Deutschland und Chairman „FairFinance“ des Diplomatic Councils berät er
in nationalen und internationalen politischen Angelegenheiten.
Dirk Müller setzt sich für die Förderung der Aktienkultur in Deutschland ein und unterstützt diese
mit einem eigenen Fonds zum Vermögensaufbau (Dirk Müller Premium Aktien).

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