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Interview mit Jörg Zeißig, Geschäftsführer der Holtmann GmbH & Co. KG

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Wirtschaftsforum: Herr Zeißig, Holtmann gibt es schon mehr als 70 Jahre. Erzählen Sie uns doch aus der Firmengeschichte und von den Ereignissen, die sie geprägt haben.

Jörg Zeißig: Der erste Meilenstein ist bereits die Gründung im Jahr 1950, denn diese fiel in die wirtschaftliche Boomphase nach dem 2. Weltkrieg. Damit wurden die Brüder Wilhelm und Walter Holtmann, die sich schon vor der eigentlichen Unternehmensgründung mit dem Messebau beschäftigt hatten, Teil des Wirtschaftswachstums. Einer der größten Meilensteine fällt ins Jahr 1991, als mit Claus und Jürgen Holtmann die nächste Generation die Geschäftsführung übernahm. Die Expo Hannover im Jahr 2000 hat für uns ebenfalls eine große Rolle gespielt, denn wir waren nicht nur auf dem Messegelände, sondern auch auf dem gesamten Expogelände präsent: Die meisten Expogebäude wurden über die Firma Holtmann gesteuert.

Im Rahmen der Expo hat Holtmann gelernt, wie wichtig die neuen Gewerke und Disziplinen als integrierte Dienstleistungen für Erlebnisse sind. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass die Expo bereits damals den Wandel zur vermehrten Nutzung der Medien eingeläutet hat und auch die Vernetzung zunehmend in den Fokus gerückt ist. 2019 folgte dann der nächste Generationswechsel, als ich in die Geschäftsführung gekommen bin, auch um das Unternehmen ein Stück weit zu transformieren. Wir werden uns nicht nur auf das Thema Messebau fokussieren, sondern alle möglichen Veranstaltungsformate und das ganze Thema Digitalisierung einbeziehen. Dann aber kam Corona!

Wirtschaftsforum: Was wohl die bisher tiefste Zäsur in der Geschichte von Holtmann sein dürfte, denn Messen und andere Veranstaltungen fielen im letzten Jahr komplett aus. Wie haben Sie das bisher überstanden?

Jörg Zeißig: Wenn ich das bildlich beschreiben sollte, würde ich sagen, dass uns Corona im vollen Galopp vom Pferd gehauen hat. Das betrifft auch andere Branchen, aber die Veranstaltungsbranche doch sicher am meisten, und in der Situation stecken wir ja auch noch mittendrin. Wir sind faktisch seit 13 Monaten im Berufsverbot, weil wir ja gar keine Veranstaltungen mehr machen dürfen. Was man in so einer Zeit macht? Man kämpft ums Überleben. Man versucht die Geschäftsbereiche, die nicht mehr funktionieren, in andere Geschäftsfelder zu transformieren – dort, wo es möglich ist. Wenn das nicht geht, versucht man diese Bereiche über Kurzarbeit zu konservieren, bis sie wieder gebraucht werden. Unser Geschäft ist zuvor ja kerngesund gewesen und wir alle gehen davon aus, dass Teile davon auch wiederkommen werden – die Frage ist nur, wann.

Wir müssen die Branche ein Stück weit näher zusammenbringen. Dass eine gewisse Einigkeit der Interessen herrscht, tut nicht nur gut, sondern ist auch notwendig, um wahrgenommen zu werden, unter anderem von der Politik. Andererseits geht es darum, die eigenen Geschäftsfelder gleichsam mit Vollgas voranzutreiben – denn auch der Markt sortiert sich ja derzeit neu, etwa im Hinblick auf die Frage, wie Marketingkommunikation zukünftig betrieben werden muss. Für uns als Unternehmen heißt das, dass wir uns vom reinen Produktanbieter weg und zum Kommunikationsagentur-Geschäftsmodell hin orientieren, also uns Gedanken darüber machen, wie unsere Kunden zukünftig mit ihren Kunden kommunizieren möchten, um dafür die passenden Lösungen anzubieten. Das schließt weitaus mehr ein als Messe.

Wirtschaftsforum: Viele Anbieter versuchen sich ja derzeit auch an digitalen Messen. Was halten Sie davon?

Jörg Zeißig: Ehrlich gesagt habe ich bisher noch keine wirklich gute rein digitale oder virtuelle Messeveranstaltung gesehen. Solche Events können höchstens helfen, Brücken zu bauen und die Kommunikation überhaupt am Laufen zu halten, aber notwendig ist aus meiner Sicht immer ein Mix aus Live-Content und physischen Begegnungsmöglichkeiten. Wenn ich gleichzeitig mit physischem und digitalem Publikum kommunizieren möchte, muss ich mir Gedanken darüber machen, wie ich meine Geschichte so erzähle, dass ich das digitale Publikum nicht abhänge. Denn das ist der Effekt der digitalen Müdigkeit: Die Leute sitzen vor den Bildschirmen, das Ganze soll sich cool anfühlen, tut es aber nicht. Da helfen dann auch keine VR-Brille oder sonstige Dinge. Insofern finde ich virtuelle Messen als ergänzendes Element in Ordnung, nicht aber als Ersatz einer physischen Veranstaltung. Wir müssen lernen, Geschichten auch digital so zu erzählen, dass sie spannend und interessant sind, ankommen – und das digitale Publikum auch abholen.

Wirtschaftsforum: Wenn alles nach Plan läuft: Was ist Ihre Vision des Unternehmens, wo möchten Sie es in drei bis fünf Jahren sehen?

Jörg Zeißig: Ich möchte es dann als relevanten Anbieter in der integrierten Live-Kommunikation sehen – wir möchten den Markt mitgestalten. Corona hat die Sinne für den Wandel geschärft und gleichzeitig die Geschwindigkeit des Change-Prozesses erhöht. Medienintegrierte Inszenierungen sind der neue Standard, im jeweils dem Content angepassten Mischungsverhältnis. Für uns und unsere Kunden treiben wir Digitalisierung und ganzheitliche Beratung nach vorn. Das haben wir für unser Unternehmen konsequent durchgeführt. Weiterhin möchte ich uns zum ‘Sexiest Arbeitgeber’ der Branche machen: die besten Talente deshalb an den Start bekommen, weil sie es toll finden, bei uns zu arbeiten.

Wirtschaftsforum: Was ist Ihre persönliche Motivation?

Jörg Zeißig: Ich liebe einerseits Veranstaltungen, das Zusammentreffen von Menschen, und andererseits Veränderungen. Was mich antreibt ist, die Warum-Frage so lange zu stellen, bis die Antwort gefunden ist. Ich habe als Arbeitgeber für weit über 100 Familien Verantwortung und ich möchte, dass unsere Mitarbeiter genau so viel Lust auf Gestaltung haben wie ich.

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