Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heribert Meffert, Pionier und Koryphäe des Marketings in Deutschland

„Die Bezeichnung Marketing-Papst macht mich verlegen“

Er ist ausgezogen, um die Welt zu verbessern, für die Kunden und natürlich für die Unternehmen: Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Heribert Meffert, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert und das neue Buch „Eins oder Null“ herausgegeben hat, erzählt im persönlichen Gespräch mit Wirtschaftsforum, warum Münster für ihn ein Glücksfall ist, was ihn antreibt und wie Marketing selbst für die katholische Kirche hilfreich sein kann.

Wirtschaftsforum: Herr Prof. Dr. Meffert, beginnen wir mit Münster ‒ der für Ihr Leben und Ihre Karriere schicksalshaften Stadt. Sie sind zwar gebürtiger Oberlahnsteiner, aber Ihr Herz schlägt doch wohl für Münster?

Prof. Dr. Heribert Meffert: Richtig, inzwischen bin ich nicht nur Wahlmünsteraner, sondern vom Herzen her Münsteraner.

Wirtschaftsforum: Wie kam es dazu?

Prof. Dr. Heribert Meffert: Als ich Ende der 1960er-Jahre von Bayern aus in die westfälische Stadt berufen wurde, hieß es: Nur die ersten drei Buchstaben sind gleich, wenn Sie von München nach Münster gehen. Aber ich muss sagen, ich habe mich mit der Domstadt identifizieren können, meine Familie ist hier heimisch geworden. Münster ist mit dem Anspruch, Wissens- und Lebensart zu verbinden, genau die richtige Stadt für mich. Ich habe sogar wiederholt Berufungen abgelehnt, weil auch die Kultur hier an der Fakultät so hervorragend war.

"Münster ist mit dem Anspruch, Wissens- und Lebensart zu verbinden, genau die richtige Stadt für mich."

Prof. Dr. Heribert Meffert

Wirtschaftsforum: Sind es auch die Attribute, die den Menschen dort zugeschrieben werden und die Ihnen vielleicht selbst zu eigen sind, nämlich das Bodenständige, Ruhige, Strebsame und Zielorientierte?

Prof. Dr. Heribert Meffert: Am Anfang war es wie in dem Sprichwort, erst einmal einen Sack Salz mit dem Westfalen zu essen, mit einem Wort: zurückhaltend. Aber dann haben sich die Menschen sehr viel offener und moderner gezeigt, gerade im Dialog von Wissenschaft und Praxis. Ich brachte das Thema Marketing in die Stadt und musste es zunächst unter die Leute bringen und erklären. Dabei habe ich immer offene und diskussionsbereite Menschen getroffen.

Wirtschaftsforum: Würden Sie sich selbst auch als bodenständig bezeichnen?

Prof. Dr. Heribert Meffert: Ja, ich bin im Allgäu aufgewachsen, im Rheinland geboren. Der Allgäuer und der Westfale sind ähnliche Menschentypen, bodenständig, ehrlich. Und der Handschlag gilt!

Wirtschaftsforum: Sie sind der Wegbereiter des modernen Marketings und gelten seit der Gründung Ihres Instituts für Marketing an der Universität Münster auch als Marketing-Papst ...

Prof. Dr. Heribert Meffert [antwortet prompt]: Marketing-Papst macht mich immer ein bisschen verlegen, weil ich keine Glaubenswahrheiten verkünde, sondern mich mit Marketing-Wissenschaft als Philosophie eines Marketing-Managements und erfolgreicher Unternehmungsführung in der Marktwirtschaft beschäftige, also das mit dem Papst lassen wir lieber mal weg.

Wirtschaftsforum: Gut, unbestritten ist, dass Sie jetzt, im 80. Lebensjahr, auf eine beispiellose Karriere zurückblicken können. Welche sind für Sie persönlich die wichtigsten Meilensteine?

Prof. Dr. Heribert Meffert: Sie werden es nicht glauben, aber meine Karriere war anfangs gar nicht auf Marketing ausgerichtet. Ursprünglich wollte ich Chemie studieren, ein zu langes und teures Studium. Daher wählte ich die zweitbeste Lösung und studierte Betriebswirtschaftslehre in München. Für mein späteres Leben wurde dies zur besten Lösung. Ich hatte Vorbilder wie Professor Edmund Heinen, mein damaliger akademischer Lehrer, der mir beibrachte, dass es beim Fach BWL darum geht, ganzheitlich zu denken. Im Grunde begründete Heinen die entscheidungsorientierte Betriebswirtschaftslehre, im Sprung zur Verhaltenswissenschaft, was für mich auch die Hinwendung zum Marketing bedeutete, als ich mit Anfang 30 einen Ruf an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster erhielt. Es war die zweite wichtige Station meiner Laufbahn.

Wirtschaftsforum: Eine riesige Chance.

Prof. Dr. Heribert Meffert: Das stimmt. In Münster habe ich versucht, die Brücke zur Praxis zu schlagen, als Vertreter einer angewandten Wissenschaft. Meine Philosophie war immer: Ich bin kein Ameisenforscher, sondern einer, der selbst etwas bewegen muss – nicht nur etwas Schönes geschrieben haben, sondern sich zu fragen: Was kommt am Ende für die Unternehmung, für den Kunden dabei raus? Das habe ich auch meinen Studenten in meinen Seminaren vermittelt. Und ich habe schnell den Kontakt gefunden zu Markenartikel-Unternehmen wie Henkel und Unilever.

Davon konnten auch meine Studenten profitieren. Das schwedische Möbelunternehmen Ikea, daran erinnere ich mich sehr gut, hatte uns einmal eingeladen. Es ging um stagnierende Umsätze. Ich bin mit den Studenten hingefahren und im Rahmen eines Seminars haben wir nach Lösungsansätzen gesucht: Wo liegen die Probleme, Stärken, Schwächen, wo liegen die Chancen des schwedischen Einrichtungshauses? Das waren tolle Praxiserfahrungen, auf die mich die ehemaligen Studenten noch heute ansprechen!

Menschen im Fokus

Prof. Dr. Heribert Meffert

CV in Zahlen

Geboren: 1937, in Oberlahnstein

Akademiker: Prof. Dr. Heribert Meffert ist Professor der Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Marketing, und Direktor emeritus des Instituts für Marketing am Marketing Center Münster (MCM) der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Er betreute mehr als 100 Promotionen und mehrere Habilitationen, die Zahl der Veröffentlichungen beläuft sich auf mehr als 400 Publikationen. Auch war Professor Meffert Mitglied in den Aufsichtsräten von Konzernen wie BASF, Henkel und Kaufhof. Nach seiner Emeritierung fungierte er für mehrere Jahre als Vorsitzender des Vorstands der Bertelsmann Stiftung. Für seine Verdienste im Bereich Marketing erhielt Professor Meffert zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Marketing Lifetime Award im Jahr 2015.


Forderungen zur Bundestagswahl 2017

Herr Prof. Dr. Meffert, was sollte die Bundesregierung tun, um die Digitalisierung der Wirtschaft zu unterstützen und Incentives für die Unternehmen zu setzen?

1. Die digitale Infrastruktur muss ausgebaut werden. Ich lebe in einem Vorort von Münster und bis vor einem halben Jahr hatten wir hier große Probleme, weil die Netze nicht richtig verlegt waren.

2. Das Thema Sicherheit für die Konsumenten muss ganz oben stehen bei der Digitalisierung. Hier muss die Regierung unterstützende Maßnahmen im Sinne von klaren Regelungen bringen, um für Sicherheit zu sorgen.

3. Warum nicht auch eine Anreizstruktur für Autofahrer schaffen, um ein Elektroauto zu kaufen? Dabei könnte man sich an der Abwrackprämie (Umweltprämie) für alte Kraftfahrzeuge aus dem Jahr 2009 orientieren.

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